Requiem / Hans-Christian Schmid.

Stimmen aus der Finsternis

01.03.2006, 10:23, Text: Calle Claus, Calle Claus

Der tragische Tod der Studentin Anneliese Michel aus dem badischen Provinzstädtchen Klingenberg löste vor 30 Jahren Fassungslosigkeit und Entsetzen aus. Im Zeitraum von drei Monaten hatten zwei Priester mit offizieller Genehmigung des damaligen Würzburger Bischofs eine Reihe von Exorzismen nach katholischem Ritual an ihr durchgeführt, in deren Verlauf die angehende Pädagogin schließlich völlig entkräftet verstarb. Fünf Jahre zuvor war bei ihr erstmals eine schwere Form der Epilepsie diagnostiziert worden, begleitet von Depressionen und schizoiden Wahnvorstellungen. Wirkungsvolle Medikamente gegen eine solche Erkrankung gab es damals kaum. Geprägt vom strengen Katholizismus ihres Elternhauses und zugleich entmutigt von der ausbleibenden Heilung durch die ihr verabreichten Tabletten, vertraute sich die verzweifelte junge Frau schließlich dem Pfarrer ihrer Heimatgemeinde an, der dann die verhängnisvolle Teufelsaustreibung veranlasste.

Bis heute wird Anneliese Michel von vielen Gläubigen als Märtyrerin verehrt, die die Leiden vieler Menschen symbolisch schulterte und den \"heiligen Opfertod\" starb.

Als Hans-Christian Schmid einen Bericht über die bizarre Wallfahrt nach Klingenberg sah, an der sich bis heute alljährlich Pilger aus ganz Europa beteiligen, war die Idee geboren, Anneliese Michel ein filmisches Denkmal zu setzen und ihren tragischen Fall nochmals aufzurollen - \"frei nach einer wahren Begebenheit\", wie es im Vorspann heißt, also ohne streng dokumentarischen Anspruch. 1994 hatte sich der aus dem erzkatholischen Altötting stammende Regisseur, der sich mit Filmen wie \"23\" (1998), \"Crazy\" (2000) oder \"Lichter\" (2003) einen Namen gemacht hat, schon einmal filmisch mit katholischem Fundamentalismus befasst. In \"Himmel Und Hölle\" schilderte er die Machenschaften der vom Vatikan unterstützten \"Engelwerk\"-Sekte. Schmid erinnert sich: \"Der Film basierte auf Ereignissen in der Nähe von Augsburg. Die Lehrerin einer Pfadfindergruppe hatte ein Merkblatt an ihre Schüler verteilt, auf dem Kinder zu sehen waren, die vom Teufel in Ketten abgeführt werden. Sie hatten vergessen, regelmäßig zu beten. Damals war ich noch ein recht ungeübter Drehbuchautor. Es war mein erster langer Film. Alle Figuren mussten immer ein bisschen die kirchenkritische These belegen, um die es ging. Heute interessiert mich in erster Linie der Mensch, der im Mittelpunkt der Geschichte steht.\"

Die Protagonistin in \"Requiem\" heißt Michaela Klingler. Wie ihr reales Vorbild verlässt sie ihr tief religiöses Elternhaus, um ein Studium zu beginnen. Hin- und hergerissen zwischen ihrer ländlich-katholischen Herkunft und den wilden Partys in ihrem Tübinger Studentenwohnheim, reibt sie sich zwischen den krassen Gegensätzen auf. Immer öfter wird sie von heftigen epileptischen Anfällen heimgesucht, was sie aber vor ihren neuen Freunden zu verbergen versucht. Dargestellt wird Michaela von Sandra Hüller, die bisher ausschließlich beim Theater tätig war und hier ihr furioses Leinwand-Debüt gibt. \"Sandra hat eine unglaubliche Durchlässigkeit für Gefühle im Gesicht - ich weiß auch nicht, wie sie das macht\", kommt Schmid ins Schwärmen, wenn er über seine Hauptdarstellerin spricht.

\"Requiem\" ist kein Horrorfilm. Hier wird weder rückwärts Lateinisch geröchelt noch grüner Schleim gespuckt. Alle scheinbar übernatürlichen Phänomene lassen sich medizinisch erklären, darauf legt Schmid großen Wert. \"Ich bemühe mich um Verständnis für alle beteiligten Figuren. Sogar für den jungen Pfarrer, der Michaela ja wirklich ernst nimmt. Traurigerweise ist er letztlich der Einzige, der ihr richtig zuhört und tatsächlich helfen will, auf seine Art und in seinem Kontext ...\"

Ironischerweise ließ sich zeitgleich im fernen Hollywood Regisseur Scott Derrickson vom Schicksal Anneliese Michels zu dem Blockbuster \"Der Exorzismus Der Emily Rose\" inspirieren. Mit seinen mystifizierenden Untertönen hat der Film aber einen völlig anderen Grundtenor als \"Requiem\". Trotzdem war die Nachricht für die Macher von \"Requiem\" erst mal ein Schock. \"Wir haben das ein Jahr lang aus der Ferne beobachtet. Als ich den Film schließlich gesehen habe, dachte ich, wir können uns entspannen. Das hatte so wenig mit unserem Erzählansatz zu tun, dass ich es nicht als Handicap empfunden habe.\"

Wen sieht der Regisseur, der erstmals auch gleichzeitig als Produzent fungierte, als Zielpublikum des Films? \"Keine Ahnung. Solche Leute wie mich. Ich muss ja davon ausgehen, dass eine Geschichte, die mich über zwei Jahre bei der Stange hält, spannend genug sein muss, um jemand anderen für zwei Stunden zu faszinieren. In Sachen Marketing-Chancen bin ich da mein einziger Gradmesser. Bei '23' gab es damals eine Menge Stimmen, die gesagt haben, dass eine Geschichte über Hannover, Computer und picklige Jungs niemals Zuschauer finden wird. Man muss dann einfach an das glauben, was man selbst in dem Stoff sieht, und Zutrauen zu seiner Geschichte haben.\" \"Requiem\" ist Schmids bisher bester Film geworden - ein aufwühlendes, ungeheuer authentisch wirkendes Werk, das noch lange nachhallt.

Requiem
D 2005
R: Hans-Christian Schmid; D: Sandra Hüller, Burghart Klaußner, Imogen Kogge, Nicholas Reinke; 02.03.



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