Pier Paolo Pasolini

Todesplan und Lebenslust

25.10.2005, 12:10, Text: Martin Büsser, Martin Büsser

Am 2. November 1975 wurde Pier Paolo Pasolini in Ostia bei Rom ermordet aufgefunden. Reaktionäre Christen hatten es sich nicht nehmen lassen, von einer gerechten Strafe Gottes zu sprechen - der sündige Tod als Vollendung eines sündigen Lebens. Kurz nach Fertigstellung seines Skandalfilms \"Salò - Die 120 Tage Von Sodom\" starb Pasolini durch die Hand eines Strichjungen, der während seiner Tat gar nicht wusste, wem er das Leben nahm. Erst im Gefängnis begann er, Gedichte von Pasolini zu lesen. Was genau in der Mordnacht geschehen war, ist bis heute ungeklärt. Hatte Pasolini den Jungen am Ende sogar angestachelt, ihn zu töten?

Anlässlich seines 30.

Todestages eröffnet die Münchener Pinakothek der Moderne im November eine Werkschau mit dem Titel \"P.P.P. - Pier Paolo Pasolini Und Der Tod\". Im Katalog zur Ausstellung kommt auch der Maler und Schriftsteller Giuseppe Zigaina zu Wort, der seit 1946 mit Pasolini befreundet war. Er vertritt die These, dass Pasolinis ganzes Leben eine Inszenierung gewesen sei, ein \"gelebter Roman\", wie er sich ausdrückt, zu dessen Vollendung die Inszenierung des eigenen Todes zählte. Laut Zigaina hatte Pasolini einen ewigen Kalender zur Hand, mit dessen Hilfe er sein \"Todes-Projekt\" penibel geplant haben soll: Es sollte auf Allerseelen (den Tag der Toten) und auf einen Sonntag (den Tag des Herren) fallen - \"das war nur 1969 oder 1975 der Fall\". Wenn an dieser These etwas dran sein sollte, hätte sich der \"Kannibale von Hessen\" immerhin auf einen der größten Schriftsteller und Filmemacher des vorigen Jahrhunderts berufen können. Davon einmal abgesehen gehören die Spekulationen über Pasolinis Tod jedoch zum Überflüssigsten, wenn nicht sogar Peinlichsten, was das Münchener Projekt zu bieten hat. Interessant sind sie höchstens vor dem Hintergrund, dass der bekennende Kommunist Pasolini nie reiner Rationalist gewesen ist, sondern auch Mystiker und vielleicht sogar Katholik ex negativo. Seiner Bibelverfilmung \"Das 1. Evangelium - Matthäus\" (1964) hatten die Kardinäle im Vatikan nach der Aufführung mehr als zwanzig Minuten Beifall gezollt - ziemlich viel für das Werk eines schwulen Kommunisten. Doch der mit Laienschauspielern gedrehte Film war durchaus mehrfach lesbar: Die Linken kritisierten ihn damals als Anbiederung an die Kirche, obwohl er mit seinem Plädoyer für die Einfachen und Unterdrückten zugleich auch als linke Bibelauslegung gedeutet werden konnte.

Einen Filmemacher im Museum zu präsentieren ist eine anspruchsvolle und oft undankbare Aufgabe. Im Gegensatz zur Stanley-Kubrick-Retrospektive lassen sich zu Pasolini, der meist im Freien vor Originalschauplätzen gedreht hatte, nicht einfach Kulissen im Museum rekonstruieren. Doch Pasolini war zugleich auch Schriftsteller, Essayist, Maler und Zeichner. Und er ließ sich für seine Filme, wie Marc Weis im Katalog ausführt, immer wieder von Vorbildern aus der Kunstgeschichte inspirieren. Die Münchener Ausstellung bietet daher eine Mischung aus Zeichnungen und Gemälden, Film-Stills und schriftlichen Hinterlassenschaften, ergänzt durch Vorträge und Filmvorführungen im Filmmuseum München.

Im Gegensatz zu den meisten großen Autorenfilmern soll Pasolini nicht durch filmische Vorbilder zum Kino gefunden haben, sondern dank der Diavorträge des Kunsthistorikers Roberto Longhi, bei dem Pasolini von 1939 bis 1943 studiert hatte. Motive der Kunstgeschichte, vor allem der Frührenaissance und Werke von Caravaggio, haben mehr Spuren in Pasolinis Werk hinterlassen als Filme. Mit Caravaggio verband Pasolini eine Vorliebe für halbdunkle Lichtführung, einfache Menschen von der Straße und nicht zuletzt deren ganz unprätentiös zur Schau gestellte Nacktheit. Was der schwule, im Auftrag der Kirche arbeitende Caravaggio noch halbwegs verdecken konnte, wird bei Pasolini schließlich offenkundig: Das Göttliche ist für ihn nichts Transzendentes, sondern manifestiert sich im Sinnlichen, es ist nicht das Ewige, sondern das Vergängliche - die Knabenkörper, denen er so manche Nacht nachjagte. Auch in jener seines Todes.

Der klassische linke Agitprop-Film war Pasolini fremd. Seine Filme sind vielmehr durchdrungen von italienischer Kulturgeschichte, die notgedrungen sowohl eine Geschichte des Katholizismus wie auch eine des Faschismus ist. \"Salò\", sein letzter Film, macht deutlich, wie beides miteinander zusammenhängt: In der Erniedrigung und Ermordung ihrer Opfer erklären sich die Faschisten zu Herrschern über Leben und Tod, spielen also selbst die Götter. Ist diese von Pasolini vorgenommene Kritik nicht selbst zutiefst katholisch? In moralischen Fragen hinsichtlich der Ehrfurcht gegenüber dem Leben hätten Pasolini und der Vatikan sich wohl problemlos einigen können. Zwischen beiden stand nicht wirklich der Kommunismus, sondern der Eros. Wie auch im Werk anderer homosexueller Künstler des 20. Jahrhunderts - in den Romanen von Jean Genet beispielsweise oder im Film \"Sebastiane\" (1976) von Derek Jarman - kommt bei Pasolini eine Art negative Theologie zum Vorschein, die weder Gott noch das Heilige leugnet, deren Existenz allerdings auf das Verbotene projiziert: Göttlich ist ihm alleine der flüchtige Sex, der nicht der Fortpflanzung dient, sondern der Selbstgewissheit, am Leben zu sein. Insofern ist der Titel der Münchener Ausstellung etwas einseitig gewählt. Morbide oder lebensmüde waren weder Pasolini noch sein Werk.

Michelangelo Caravaggio
1571 bei Bergamo geborener Maler, der einen neuen Realismus in die Malerei einführte. Für seine biblischen Motive nutzte er Modelle von der Straße, deren Körper er für damalige Verhältnisse radikal \"fleischlich\" darstellte. Sein Leben bietet Stoff für zahlreiche Mythen. Als der Trinker 1606 seinen Gegner bei einer Schlägerei umgebracht hatte, musste Caravaggio aus Rom fliehen. Derek Jarman verfilmte Leben und Werk 1986 unter dem Titel \"Caravaggio\".

P.P.P. - Pier Paolo Pasolini Und Der Tod
Pinakothek der Moderne, München
17.11.2005-05.02.2006





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