
John Singleton
Aufstieg und Rache
25.10.2005, 09:57, Text:
arno raffeiner,
arno raffeiner
Mark Wahlberg weint. Wie kann es sein, dass Evelyn Mercer, diese selbstlose, gutmütige, unerschrockene Frau, die so lange seine Mutter war, bei einem Überfall auf den Kiosk an der Ecke kaltblütig umgelegt wird? Wahlberg alias Bobby Mercer hält sich nicht lange mit Nachdenken auf, für ihn und seine drei Adoptivbrüder gibt es nur eine Antwort: Rache.
Das ethnische Adoptions-Patchwork der Mercer-Familie mit zwei schwarzen und zwei weißen Brüdern scheint die Heiligkeit der getöteten Mutter noch zu erhöhen. Diese Konstellation wird allerdings bloß in Gags am Rande thematisiert, am Zusammenhalt der ungewöhnlichen Bruderschaft kommt kein Zweifel auf. Womit Singleton Rassismus thematisiert, indem er ihn explizit gar nicht zur Sprache bringt. \"Ich denke, das spiegelt nur die Art und Weise wider, wie ich die Welt sehe. Rassismus ist kein Hauptthema in meinen Filmen, er kommt einfach vor, weil mich solche Dinge selbst als Person betreffen.\" Die heiligen Rachegelüste der Brüder können sogar einer Quasi-Ausbombung des mütterlichen Hauses widerstehen und es mit den Mächten des korrupten Detroit aufnehmen. Der Erzböse, Gangleader Victor Sweet, hat die Polizei in der Hand, Stadtpolitiker folgen seinen Befehlen, und der arme Jeremiah Mercer (André \"3000\" Benjamin), der es als ehrlicher Kleinunternehmer versucht, wird von Sweet derart gelinkt, dass er schließlich doch wieder einem Ganoven ein Messer ins Herz rammen muss. Aber letztendlich braucht es doch den bulligen Bobby (Wahlberg), der die Rebellion schwarzer Selbstermächtigung gegen die Dekadenz und Hybris von Victor Sweet mit seinen Eishockey-gestählten Fäusten durchsetzt. Für dieses heroische Moment muss ein Mann-gegen-Mann-Duell herhalten, schließlich hat sich Singleton ja schon mit dem Rachemotiv beim Western-Schema bedient und mit der Konstellation der vier Brüder deutlich an den Klassiker \"Die Vier Söhne Der Katie Elder\" von 1965 mit John Wayne angelehnt.
Singleton: \"Das Western-Paradigma ist das amerikanischste aller filmischen Erzählmuster. Ich fand es für den Film wirklich gut, obwohl dieses Paradigma zu gewissen Zeiten als Klischee galt und man es zu oft gesehen hatte. Aber die Generation, die jetzt ins Kino geht, kennt keine Filme solcher Leidenschaft. Filme, in denen alltägliche Charaktere zu Übermenschen werden. Diese Generation hat keine Filme mehr, in denen man sich gefühlsmäßig mit den Figuren identifizieren kann, über die man sagen könnte: 'Wow, ich kenne jemanden, der genauso ist wie diese Person.' Alles im Kino wirkt heute wie Fließbandproduktion, wie McDonalds statt wie zu Hause gekocht.\"
Mit einem zweiten uramerikanischen Paradigma, dem puritanischen Vom-Tellerwäscher-zum-Millionär-Mythos, wird im Film \"Hustle And Flow\" von Craig Brewer operiert, den Singleton aus eigener Tasche, unabhängig von den Hollywood-Studios, produzierte. In Motivik und Linearität Richtung Erfolg unterscheidet sich die Geschichte vom Zuhälter D Jay (Terrence Dashon Howard) aus Memphis, der seinen Traum realisiert, ein Rapstar zu werden, kaum von Eminems \"8 Mile\". Der Wettkampf wird aber vom Freestyle-Battle auf der Bühne ins Hinterzimmer verlegt: Es geht um die Mühen im alltäglichen Straßengeschäft und zu Hause, um den Kampf mit dem inneren Schweinehund. Damit einher geht weniger Dramatik, aber auch mehr Realness. D Jays Leben ist nicht beneidenswert - alles ist abgefuckt und schmuddelig -, aber es verläuft in gewohnten Bahnen. Der kleine Hustler hat weder Probleme mit der Polizei noch mit rivalisierenden Gangs, es gibt keine Todesfälle, ja, noch nicht mal eine nennenswerte Schlägerei. Wenn im entscheidenden Shoot-out ganz unvermittelt eine Kanone ins Bild kommt, ist das ein Einbruch eines Genres, das vorher nicht zu spüren war. Die Fallhöhe zum Traumziel Rapstar wird damit noch wesentlich verstärkt - aber natürlich kriegt der Film noch die Kurve zum glorreichen Ende, wenn D Jays Reime aus allen Radiogeräten in Memphis pumpen, während er im Knast sitzt. Wie viel realer geht es denn noch?
Brewer und Singleton reproduzieren und bestätigen so eine Reihe von Klischees über Kleinganoventum und HipHop-Business und die gegenseitigen Wechselwirkungen. Dabei wird aber bereits D Jays vorgezeichneter Werdegang a.k.a. das Ende als mit Geld voll gestopfter Scheißrapper angedeutet. D Jay schließt mit den zynischen Worten, die ihm sein hassgeliebtes Rap-Idol im entscheidenden Moment mit auf den Weg gibt: \"Jeder muss seinen Traum haben.\" Richtig übersetzt mit: Träum weiter, du Trottel! So reflektiert \"Hustle And Flow\" implizit das eigene Funktionieren als illusorische und reproduzierende Wunschmaschine: ohne Kino-Mythen, ohne amerikanischen Traum kein Ghetto-Alltag.
Vier BrüderUSA 2005
R: John Singleton; D: Mark Wahlberg, Tyrese Gibson, André Benjamin, Garrett Hedlund; 10.11.
&
Hustle And Flow
USA 2005
R: Craig Brewer; D: Terrence Dashon Howard, Anthony Anderson, Taryn Manning, Taraji P. Henson; 17.11.
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