
L’Enfant
F/B 2004
24.10.2005, 15:39, Text:
Oliver Minck,
Oliver Minck
R: Jean-Pierre & Luc Dardenne; D: Jérémie Renier, Déborah François, Fabrizio Rongione; 17.11.
Pressevorführungen sind ja nicht eben die romantischste Angelegenheit. Viel zu früh am Morgen drücken wir tendenziell abgestumpften Allesschonmalbessergesehenhaber uns in die Kinosessel und warten nur darauf, die Schwachstellen des Machwerks zu enttarnen und uns zynisch darüber herzumachen. Wenn man sich in einem solchen Ambiente die Tränchen am Ende des Films trotzdem nicht verdrücken kann, weil die Anteilnahme einfach zu groß ist, dann muss schon etwas ganz Außergewöhnliches passiert sein. Ist es auch. Denn \"L'Enfant\" ist in der Tat ein außergewöhnlicher Film.
\"L'Enfant\" erzählt die Geschichte von Bruno (20) und Sonia (18). Sonia wurde soeben mit ihrem frisch entbundenen Sohn Johnny aus dem Krankenhaus entlassen, nun macht sie sich auf die Suche nach Bruno. Bruno ist ein Hallodri, ein Kleinkrimineller, der kleine Jungs Handtaschen für sich klauen lässt. Seinem Sohn bringt er wenig Interesse entgegen, lieber jagt er via Handy dem nächsten Deal hinterher. Sonia sehnt sich nach einer kleinen Familie, nach überschaubaren Verhältnissen. Bruno gibt zunächst zwar vor, sich auf Sonias Wünsche einzulassen - bei einem Spaziergang allein mit Johnny fasst er dann aber einen hinterlistigen Plan: Er will seinen Sohn für 5000 Euro verkaufen. Was dann folgt, wird von den Regisseuren weiterhin größtenteils aus Brunos Perspektive erzählt. Ein harter Prüfstein für den Zuschauer, wird er doch dazu gezwungen, sich auf einen Charakter einzulassen, den er womöglich nach den ersten Minuten schon gerne zum Teufel geschickt hätte. Der Atem bleibt einem weg, als Bruno den Säugling zur Übergabe in das Zimmer eines Abrisshauses legt und dann minutenlang im Nebenraum wartet, bis der dubiose \"Geschäftspartner\" kommt, Johnny mitnimmt und stattdessen ein Bündel Geldscheine hinterlässt. Während der gesamten Wartezeit verharrt die Kamera auf Brunos Gesicht: keine kalte Verbrecher-Visage, sondern das weiche Gesicht eines genauso durchtriebenen wie verletzbaren, unsicheren jungen Mannes, der emotional gänzlich überfordert ist von seinem eigenen skrupellosen Plan.
Überhaupt ist die Kamera immer sehr nah dran an den Protagonisten, nicht aufdringlich, sondern meist schräg an den Gesichtern vorbei; die leicht verwackelten Handkamerafahrten und die schmutzige Farbästhetik tun ihr Übriges. Und trotzdem hat man den Eindruck, dass hier jede Einstellung trotz einfachster Mittel wohl durchdacht wurde. Die Entscheidung, auf Filmmusik gänzlich zu verzichten, muss zudem als genialer Schachzug bewertet werden. \"L'Enfant\" ist so authentisch emotional, dass es einfach keiner Verstärker bedarf.
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