Somersault

AUS 2004

24.10.2005, 12:26, Text: Oliver Minck, Oliver Minck

R: Cate Shortland; D: Abbie Cornish, Sam Worthington, Lynette Curran; Paramount

Wie ein räudiger Hund macht sich die 16-jährige Heidi aus dem Staub, nachdem sie von ihrer Mutter mit deren Liebhaber in flagranti erwischt worden ist. Dabei hat Heidi es nicht einmal böswillig gemeint. Sie ist nicht eins mit ihrem Körper, ihr fehlt die Kopplung zwischen Physis und Psyche. Schon für kleine Gefälligkeiten meint Heidi, ihren Körper feilbieten zu müssen. Abbie Cornish, die die Rolle der Heidi mit beinahe erschreckender Glaubwürdigkeit spielt, wurde im Zuge von \"Somersault\" immer wieder als junge Nicole Kidman bezeichnet.

Der Vergleich liegt nahe: Wie Kidman umgibt Cornish die Aura eines gefallenen Engels, einer zarten, blonden Lichtgestalt, die sich märtyrergleich den Sadismen ihrer Umwelt aussetzt. In \"Somersault\" führt Heidis Heimat-Flucht nach Jindabyne: ein ziemlich unwirtlicher Wintersportort, den man zunächst gar nicht mit dem australischen Kontinent in Verbindung bringen würde. Mit der Verneinung der australischen Klischees von Sonne, Strand und Wellenreiten setzt Regisseurin Cate Shortland ein klares Zeichen: Heidi ist am falschen Ort. Und soll ausgerechnet dort zu sich selbst finden. Unbeholfen stolpert das naive Mädchen durch eine raue, in blasse Farben getauchte Winterwelt, auf der Suche nach Liebe und Zuneigung. Tatsächlich gelingt es ihr, ein Motelzimmer und einen Aushilfsjob in einer Tankstelle zu ergattern. Andererseits spricht sich das leichtfertige Wesen des lolitahaften Neuankömmlings in der Ortschaft schnell herum, und so zieht Heidi zugleich sowohl die bigotte Geilheit als auch den Abscheu der Bewohner auf sich. Das Schicksal wendet sich, als Heidi auf den Farmersohn Joe trifft, in den sie sich Hals über Kopf verliebt. Der sensible junge Mann hat hehre Absichten, befindet sich aber im Konflikt: Von seinen Freunden wird er wegen der Beziehung zu dem billigen Mädchen verlacht, zudem brodeln unausgesprochene homosexuelle Neigungen in ihm. Heidi überfordert Joe mit ihrem unkontrollierten Liebesschwall gänzlich und reagiert auf Joes Zurückweisungen mit trotzigem bis selbstzerstörerischem Verhalten. Auch wenn die Vermutung nahe liegt: Mit \"Somersault\" geht es der Regisseurin nicht um die Thematisierung des so genannten \"Borderline-Syndroms\" (das in Thomas Durchschlags äußerst gelungenem Drama \"Allein\" kurze Zeit später auf die Agenda gebracht wurde). Heidis Leidensweg, so dramatisch er sich auch vollzieht, fällt in die Kategorie \"Pubertät\". Shortland erzählt ein sensibles Coming-of-age-Drama von der Unmöglichkeit einer Liebe zwischen zwei unreifen Menschen: einem jungen Mann, der nicht lieben kann, weil er sich selbst noch nicht gefunden hat, und einem Mädchen, das versucht, in einem anderen Menschen aufzugehen, statt sich selbst zu entfalten. Die Suche nach Geborgenheit, schmerzhafte Zurückweisung - alles in allem ein komplizierter Prozess, an dessen Ende doch ganz klar eines steht: Reifung.



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