
Manderlay / Lars Von Trier
Life after Dogville
19.10.2005, 13:00, Text:
Calle Claus,
Calle Claus
\"Was man auch immer Gutes über die Demokratie sagen kann, besonders sexy ist sie nicht\", sagt der namenlose Gangsterboss in der ersten Szene des zweiten Teils von Lars von Triers Amerika-Trilogie, als er über die Vorzüge eines persönlichen Harems mit exotischen Leibeigenen sinniert.
Wir erinnern uns: Von den Bewohnern Dogvilles gedemütigt und geknechtet, war seine Tochter Grace (damals: Nicole Kidman) in letzter Sekunde von ihm errettet worden. Nach der blutigen Rache an ihren Peinigern gelobte sie, ihre neue Macht von nun an für eine bessere Welt einzusetzen - ein unheilschwangerer Schwur? Die neue Grace wird von der jungen Bryce Dallas Howard gespielt.
Wir schreiben das Jahr 1933, die Kolonne der schwarzen Gangster-Limousinen bewegt sich in den tiefen Süden nach Alabama. Sie kommt vor einem Stein zum Stehen, auf dem in schwarzen Lettern der Name \"Manderlay\" prangt. Genauso unverrückbar wie dieser schwere Brocken scheinen die Regeln des täglichen Lebens an diesem gottverlassenen Ort. Die Handlung spielt sich wieder auf einer großen Bühne ab. Es gibt nur spärliche Bauten, auf weißem Boden sind mit schwarzen Linien die Örtlichkeiten einer großen Baumwollplantage verzeichnet: ein großes Herrenhaus, ein Brunnen und die Baracken der Feldarbeiter. In einer Tretmühle zieht ein (echter) Esel seine Bahnen, und ein menschlicher Leidensgenosse wird gerade direkt daneben ausgepeitscht. Zwar ist die Sklaverei zum Zeitpunkt der Handlung bereits seit 70 Jahren offiziell abgeschafft, doch unter der Ägide der gestrengen Besitzerin (Lauren Bacall), von allen \"Mam\" genannt, lebt hier eine kleine Gruppe schwarzer Arbeiter noch immer in strenger Knechtschaft.
Nach Mams plötzlichem Tod entflammt in Grace der Ehrgeiz, die Plantage in bessere Zeiten zu führen. Ihr Vater (Willem Dafoe) erinnert sie mahnend an \"Tweety\", ihren geliebten Kanarienvogel, der jämmerlich verendete, als sie ihn in Kindertagen aus seinem Käfig in die Freiheit entließ. Doch sie überhört seine höhnischen Worte. Ihr Erzeuger stellt ihr schließlich zwei schwer bewaffnete Bodyguards und einen durchtriebenen Juristen zur Verfügung, die das Experiment von Manderlay überwachen sollen. In einem Monat wird Papi wieder da sein, um sie abzuholen, falls ihre Bemühungen scheitern sollten.
Grace versucht die Arbeiter zu bewegen, ihre Plantage von nun an autark zu bewirtschaften. Doch das Leben ohne strenge Regeln ist für viele ein Schock. Bisher wurden die Arbeiter immer um Punkt sieben zum Abendessen zusammengetrieben. \"When do free people eat?\" ist die bange Frage eines der unfreiwillig Befreiten. \"Free men eat when they're hungry!\" antwortet die neue \"Mam\" und beginnt zu ahnen, dass sie noch eine Menge Arbeit vor sich hat. Von nun an werden die Ex-Sklaven nicht mehr zum Baumwollpflücken, sondern zur Staatsbürgerkunde gezwungen, Grace will sie zu \"graduate Americans\" erziehen. Ihre Versuche, die sturen Bewohner für die wundersame Welt der Demokratie zu begeistern, haben etwas Rührendes, illustrieren aber auch eine bestimmte Art von Kolonialismus. Lars von Trier über die Parallelen zur Irak-Mission: \"Man kann über Bush eine Menge böse Dinge sagen, aber glauben sie nicht, dass er mit ganzem Herzen dabei ist? Er glaubt wirklich an das, was er tut. Genau wie Grace.\"
\"Manderlay\" ist letztlich die Chronik des Scheiterns einer übereifrigen Missionarin. Und die ist auch nicht frei von dunklen Gelüsten. Nachts schleicht sie zum Badehaus, um durch Schlitze in der Holzwand dampfende schwarze Männerkörper zu betrachten. Ist das letztlich der wahre Grund ihres Hierseins - ein Mädchen, das wie sein alter Vater vom eigenen Harem träumt? Begehrt, bedient und umschwärmt von gut gebauten dunklen Männern?
Man hätte \"Manderlay\" theoretisch auch als opulentes Kostüm-Spektakel an Originalschauplätzen umsetzen können. Anders als bei \"Dogville\", das doch sehr in einer mitunter recht quälenden Künstlichkeit verfangen war, vergisst man das kalte Theater-Set hier irgendwann. Die Figuren sind runder, das Drehbuch ist dramaturgisch ausgereifter. Viele werden \"Manderlay\" als rassistisch empfinden, immerhin fällt der Film aus weißer Sicht einige recht harsche Urteile über Schwarze. Doch das lässt von Trier nicht gelten: \"Es muss für einen Schauspieler doch langweilig sein, immer den Helden zu spielen, nur weil er Afroamerikaner ist.\" \"Manderlay\" ist von widersprüchlichen, störrischen und zaudernden Charakteren bevölkert - nicht gerade typische Denzel-Washington-Rollen. Apropos \"Washington\": Der letzte Teil der Amerika-Trilogie soll 2007 fertig sein. Wenn der Regisseur sich innerhalb seines Dreigestirns weiter so steigert, darf man einiges erwarten. Aber wahrscheinlich bestätigt sich wieder die alte Geheimregel, dass der zweite Teil einer Trilogie meist der beste ist. \"Manderlay\" dürfte jedenfalls schwer zu toppen sein.
Zentropa
Lars von Triers Produktionsfirma wurde im Rahmen des Hamburger Filmfests im September mit dem Douglas-Sirk-Preis ausgezeichnet, der bis jetzt nur an Schauspieler und Regisseure verliehen wurde. Zentropa sei ein überzeugendes Beispiel für kreative Produzenten, \"die ihre Aufgabe keineswegs allein darin sehen, finanzielle Mittel zu beschaffen, sondern ihre Filme auch inhaltlich stark mitgestalten\", hieß es in der Begründung der Jury.
Manderlay
DK 2005
R: Lars von Trier; D: Bryce Dallas Howard, Willem Dafoe, Danny Glover, Lauren Bacall; 10.11.
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