Keine Lieder Über Liebe

Inszeniert authentisch

17.10.2005, 18:09, Text: Heiko Behr, Heiko Behr

Gerade innerhalb der Kulturindustrie ist es ein Kampfbegriff: Authentizität. Ob im HipHop die Maxime des \"keeping it real\" gepredigt, in Rockmusikkreisen von \"Handgemachtem\", \"Schweiß\" und \"Ehrlichkeit\" getönt, in der Literatur von \"wahrhaftiger Realitätsabbildung\" schwadroniert wird - immer schwingt dabei dieser Ausdruck mit. Und mit ihm eine ganze Armada verortender Begrifflichkeiten: urwüchsig, echt, glaubwürdig, aufrichtig, überzeugend. Als ob in der Kunst und nur in der Kunst noch das Leben zu finden sei, in der Realität hingegen alle Verbindlichkeiten gefallen seien. Geliebter Postmodernismus. Und natürlich wird dieser Kampfbegriff auch innerhalb des Filmsektors verhandelt: Ist \"Die Lustige Welt Der Tiere\" authentisch? Oder Spielbergs Version von \"Schindlers Liste\"? Sind Michael Moores Einsichten in die amerikanische Seele authentisch? Bilden die allabendlichen Nachrichten authentisch den Zustand der Welt ab? Und viel wichtiger als die Entscheidung selbst ist doch die Frage: Ist das überhaupt wichtig?

Mit \"Keine Lieder Über Liebe\" nähert sich momentan auch ein deutsches Ensemble diesem Problemfeld an.

Regisseur Lars Kraume hat einen inszenierten Dokumentarfilm über eine inszenierte kleine Band und deren inszeniertes Alltags-(Tour-)Leben gedreht, die Handlung ist schnell erzählt: Tobias Hansen (Florian Lukas) begleitet mit seiner Freundin Ellen (Heike Makatsch) und einer Kamera seinen älteren Bruder Markus (Jürgen Vogel) und dessen \"Hansen Band\" - quer durch alle miefigen Schlafzimmer, schimmligen Backstageräume und düsteren Bühnen der Republik. Und vermutet dabei, dass Ellen ihn ausgerechnet mit seinem Bruder vor etlicher Zeit betrogen hat. So weit, so gut. Doch durch die Entstehungsgeschichte wird es kompliziert: Die Mitglieder der Band rekrutieren sich aus Tomte und Kettcar, gemeinsam mit Vogel haben sie Songs geschrieben, veröffentlichen das Hansen-Album am 24. Oktober und sind tatsächlich gemeinsam auf Tour gegangen. Der Film wurde im Rahmen dieser Tour improvisiert, weiterentwickelt und mit DV-Kameras gedreht. Ungewohnterweise wurde so auch chronologisch gedreht. Die letztgenannten Bedingungen geben dann auch den Rahmen vor, von technischer Seite aus inklusive verwackelter Handkamera, Grobkörnigkeit, Mikrofone im Bild, hektischer Schwenks.

Diese Authentisierungsstrategien sind natürlich nicht neu: Bereits vor über zehn Jahren wurde in Dänemark durch das \"Dogma 95\"-Manifest ein wichtiger Anstoß gegeben. (Auch wenn Initiator Lars von Trier sich inzwischen in Richtung reduzierte Stilisierung und Theaterhaftigkeit, also Un-Authentisierung begeben hat.) Nun durchdringt jedoch \"Keine Lieder Über Liebe\" die Grenzen des filmischen Formats und endet in der Realität. Die Grenzen verschwimmen, wenn Thees Uhlmann im Nachhinein von einer Ansprache Richtung Vogel erzählt: \"Wenn du, Jürgen, hier noch mal so rumspringst, trete ich dir von hinten in die Knie. Wir sind hier nicht bei den Guano Apes.\" Auch durch die Wahl der Schauspieler hat Regisseur Kraume eine Entscheidung hin zur Verwischung der Grenzen getroffen: Alle drei geistern als aufgeladene Medienpersönlichkeiten seit Jahren durch die Kinolandschaft, besonders Vogel und Makatsch wird dabei gern Ehrlichkeit, Bodenhaftung etc. zugeschrieben. Und so stellt sich während des Films immer wieder die Frage, die sich sonst von selbst verbietet, ob nämlich gerade die Rolle spricht oder der Schauspieler: die rotzigen Brocken von Vogel, die augenklimpernden Mädchenhaftigkeiten von Makatsch, die nuschelnden Halbsätze von Lukas? Oder sind es doch Markus, Ellen und Tobias? Diese Irritationen sind dabei natürlich vor allem den Schauspielern zuzuschreiben. Alle drei gehen in ihren Rollen auf, sodass die Trennlinien verwischt werden. Method-Acting? Nicht nötig. Denn die Themen sind altbekannt, fast schon zu nahe liegend. Es geht um Verdächtigungen, Angst, Betrug, Eifersucht und natürlich immer wieder - die Liebe. Sie fallen sich ins Wort, hören nicht richtig zu, reden aneinander vorbei. Die Dokumentation über eine Band driftet ab in eine Bestandsaufnahme einer Dreier-Beziehung.

So, wie Tobias die Kontrolle über seine Dokumentation verliert, so tritt auch Regisseur Kraume immer mehr Kontrolle an den mäandernden Film ab. Trotz aller gewollten Authentizität müssen dennoch Entscheidungen getroffen, Perspektiven gewählt werden, sowohl von Seiten des Regisseurs als auch von Seiten der Schauspieler. Und wenn Kraume dann erzählt, er habe aus insgesamt 150 unikaten Stunden dieses 98-minütige Fernsehspiel geschnitten, so stellt sich die Frage, ob ein strengerer roter Faden dem Film nicht doch gut getan hätte. Doch genug der Verkomplizierung. Das alles spricht nicht gegen \"Keine Lieder Über Liebe\". Ganz im Gegenteil wirkt diese filmische Wirklichkeit so eben noch weniger inszeniert und stattdessen, hach ja, echt und authentisch. Auch wenn das natürlich überhaupt kein Qualitätsmerkmal ist. Aber das war ja schon vorher klar.

Keine Lieder Über Liebe
D 2005
R: Lars Kraume; D: Florian Lukas, Jürgen Vogel, Heike Makatsch; 27.10.
&
Hansen Band
Keine Lieder Über Liebe
Grand Hotel Van Cleef / Universal
&
Heike Makatsch
Keine Lieder Über Liebe. Ellens Tagebuch
Kiepenheuer & Witsch, 160 S., EUR 8,90



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aus Intro #133 (November 2005)
 
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