
Dear Wendy / Thomas Vinterberg
In Love With My Gun
27.09.2005, 15:34, Text:
Calle Claus,
Calle Claus
Thomas Vinterberg sieht aus wie der kleine Bruder von Jörg Pilawa. Stirnrunzelnd betrachtet er die \"Likörelle\" von Udo Lindenberg, die einen langen Flur des Hamburger Atlantic-Hotels zieren. Ich erläutere, dass der - ähem - \"painter\", ein \"famous German rockstar\", in seiner Freizeit gern zum Zeichenstift greife und seine krakeligen Karikaturen mit diversen Alkoholika koloriere. Vinterberg schüttelt sich leicht irritiert und zupft dann kommentarlos seinen Werber-Scheitel zurecht, damit das Haupthaar wieder schön zufällig verwuschelt aussieht.
Doch der Scheitel trügt: 1995 war Vinterberg Mitbegründer der Dogma-Bewegung, internationaler Durchbruch mit
\"Dear Wendy\" erzählt die Geschichte von Dick (furios dargestellt von Jamie Bell), einem nerdigen Außenseiter, der eines Tages durch Zufall in den Besitz eines kleinen Damen-Revolvers kommt, den er Wendy tauft. Er versammelt einige andere halbwüchsige Loser um sich, die sich in ihrer tristen amerikanischen Heimatstadt zu dem Geheimbund der Dandies zusammenfinden, um in einer verlassenen Mine Schießübungen zu machen. Einmal mit ihren Waffen liiert, geht eine Veränderung mit ihnen vor: Plötzlich können sie erhobenen Hauptes über die Straße gehen und den verdreckten bulligen Minenarbeitern, die von ihrer Schicht kommen, ins Gesicht sehen. Sie sind über Nacht zu \"richtigen Männern\" gereift. Susan (Alison Pill), das einzige Mädchen in den Reihen der Dandies, hat wiederum das Gefühl, dass ihre Brüste stetig wachsen, seit sie ihre Waffe trägt, was sie ihrem völlig überrumpelten Anführer in einer Szene des Films auch stolz demonstriert.
Vinterberg wuchs zwar in einer Hippie-Kommune auf, aber mit Spielzeug-Pistolen durfte er trotzdem spielen. Hat die Faszination für Handfeuerwaffen autobiografische Wurzeln? \"Ich denke schon, dass ich diese Faszination für Pistolen teile. Diese Maschinen strahlen eine beinahe erotische Anziehungskraft aus. Ich vermute, dass es genau dies ist, was der Film erforscht ...\" Die Dandies haben den strikten Grundsatz, ihre geliebten Waffen niemals außerhalb ihres \"Tempels\" abzufeuern. Alle sind glühende Pazifisten bzw. \"Pazifikisten\", wie Freddie, der Jüngste der Gruppe, es irrtümlich ausdrückt. In Lars von Triers Drehbuch sollten die Gang-Mitglieder eigentlich Mitte dreißig sein. Es war ein Glücksgriff Vinterbergs, sie um 20 Jahre zu verjüngen. So paart sich der beißend-ironische Blick auf die amerikanische Geschichte mit einer erstklassig besetzten sentimentalen Story über ein paar Jugendliche auf der verzweifelten Suche nach Selbstwertgefühl. \"Der Film spricht mit gespaltener Zunge\", sagt Vinterberg, \"Lars definiert sein Experiment immer ganz klar: 'Hier ist ein Mann. Er ist 35. Er ist in seine Knarre verliebt. Punkt.' Er versucht gar nicht, es zu rechtfertigen, wohingegen ich immer versuche, das Ganze emotional zu begründen, es ans echte Leben anzubinden.\" Lars von Trier war denn auch sehr zufrieden mit dem, was Vinterberg aus seinem Skript gemacht hat, gerade weil es so völlig anders ist - \"es waren Sachen dabei, bei denen er mich überredete, sie drinzulassen, einfach, weil sie so weit von dem entfernt waren, was er gemacht hätte ... Und genau darum ging es bei unserer Zusammenarbeit.\" Hauptdarsteller Jamie Bell gibt der dämonischen Figur des Anführers Dick eine verletzliche Note. Und er ist Brite. Vinterberg erzählt, dass ein unausgesprochener Konflikt zwischen Amerika und Europa in seinem Film schwelt: \"Hier kämpfen die Menschen der Tat und die Menschen des gesprochenen Wortes gegeneinander.\" Jamie Bell war die Schnittmenge, \"für mich ist er das ultimative Konglomerat aus Europa und Amerika. Außerdem ist er natürlich ein fantastischer Schauspieler!\"
Hervorzuheben sind noch die Songs der britischen Sixties-Heroen The Zombies, die immer wieder auf wunderbare Weise mit den Bildern des Films eins zu werden scheinen. Lars von Trier schrieb einige Passagen des Drehbuchs sozusagen \"um die Songs herum\". \"Die Musik der Zombies wird von einem Hauch Anglophilie umweht; sie ist britisch und wird zum Markenzeichen der Dandies, weil sie so weit von der Gesellschaft entfernt ist, in der sie sich bewegen.\"
Zum Schluss spreche ich Vinterberg noch einmal auf \"It's All About Love\" an, seinen desaströsen Kassenflop, in dem Claire Danes eine geklonte Eiskunstläuferin spielt. \"Der Film hat auf mehreren Ebenen nicht funktioniert. Ich sage immer, dass er mein Sorgenkind ist, weil es derjenige ist, der mir am meisten bedeutet.\" Er erzählt, dass acht von zehn Besuchern mit dem Film nichts anfangen konnten - \"aber die letzten zwei zeigen eine sehr starke Reaktion: Sie fangen mitten auf der Straße zu weinen an, wenn sie sich darüber unterhalten. Es ist ein sehr exklusiver Club.\" Der \"Dear Wendy\"-Fanclub wird größer sein, jede Wette!
Dear Wendy
DK/D/F/GB 2005
R: Thomas Vinterberg; D: Jamie Bell, Bill Pullman, Mark Webber, Alison Pill, Danso Gordon, Chris Owen; 06.10.
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