
Wächter Der Nacht
Ordnung und Freiheit in Moskau
26.09.2005, 17:00, Text:
Sascha Seiler,
Sascha Seiler
Das radikale Ausmaß, mit dem Moskau sich dieser Tage verändert, lässt sich nicht zuletzt auch daran ablesen, welche Bedeutung ein nach westlichen Maßstäben produzierter Fantasy-Film für die Zukunft der russischen Medienlandschaft hat. \"Night Watch\" (dt. Titel: \"Wächter Der Nacht\") ist dort der mit Abstand größte Publikumserfolg aller Zeiten, vor allem aber sind die Deutung, Bewertung sowie die Einordnung des Plots und der Meta-Geschichte des Films in den Kontext der russischen Befindlichkeit des neuen Jahrtausends ein Thema, das die Nation zumindest im Zusammenhang kultureller Debatten tief spaltet.
Während man in Europa und den USA dieser Tage mit zwei Jahren Verspätung den mit einem für nicht-westliche Verhältnisse riesigen Werbeaufwand betriebenen Filmstart erwartet, wird in Russland gerade der zweite Teil der Trilogie, \"Day Watch\", vollendet.
Dass ein russischer Film in den USA gar als Original mit (wenn auch spektakulär animierten) Untertiteln in einem Rahmen starten wird, der nicht auf ein Arthouse-, sondern ein potenzielles Blockbuster-Publikum abzielt, ist erstaunlich genug. Auch, dass man im zweiten Teil, der parallel zum ersten gedreht wurde, einen deutlichen Schwerpunkt auf die Dialoge und zwischenmenschlichen Dramen legt und hierbei die verkaufsfördernde Action ein wenig in den Hintergrund drängen wird - dies ist eine der wenigen Konzessionen an das alte russische Autorenkino, von dem sich die Macher trotz größter Bemühungen, den Hollywood-Blockbuster-Standards zu entsprechen, nicht recht lösen können. Beispielsweise wird der anwesenden Presse Hauptdarsteller Konstantin Khabensky als russischer Megastar Marke Brad Pitt oder George Clooney verkauft; schnell merkt man aber, dass dem ausgebildeten und hochangesehenen Theaterschauspieler, der als nächstes Projekt auf Moskauer Bühnen den Claudius aus Shakespeares \"Hamlet\" geben wird, der ganze Rummel zuwider ist. Bei einem späteren privaten Gespräch in einem russischen Café gibt der Schauspieler auch recht unverblümt zu, an all dem Rummel überhaupt nicht interessiert zu sein.
Der Regisseur Timur Bekmambetov hingegen hat sich noch nicht so recht zwischen Wachowski Brothers und Tarkowsky entscheiden können: Auf der einen Seite steht sein deutlich von der \"Matrix\"-Trilogie beeinflusster Film mit dessen ganzen spektakulär coolen Special-Effects und der überdrehten CGI-Inszenierung, andererseits allerdings die Affinität zur dunklen Erzählweise des klassischen russischen Kinos; ein ästhetisches Merkmal übrigens, das den Film für westliche Zuschauer zu einem ungeahnten visuellen Vergnügen macht. Dass der Film, wie Bekmambetov immer wieder gerne erwähnt, für unglaubliche vier Millionen Dollar gedreht wurde und Produzent Anatoli Maksimov dazu behauptet, es sei Unsinn, für einen Film dieser Kategorie mehr als zehn Millionen Dollar auszugeben, könnte, wenn er denn an der Kinokasse funktioniert, als Warnung an die Maßlosigkeit des amerikanischen Mainstreamkinos einen großen Nachhall haben.
Aber vielleicht ist es auch gar nicht die Tatsache, dass in einer Zeit des CGI-Kino-Overkills der erste nationale Fantasy-Film die Intellektualität eines Films wie Tarkowskys \"Solaris\" zugunsten gut gemachten Popcorn-Kinos hinter sich lässt - überhaupt den Begriff des Blockbusters für das russische Kino erst erfindet -, die \"Night Watch\" zum erfolgreichsten russischen Film aller Zeiten macht. Vielleicht ist es vielmehr der in diesem Film ausgetragene allegorische Konflikt zwischen dem Licht und der Dunkelheit, der die Seele des Publikums so tief berührt hat. Denn es geht hier nicht, dies wird bereits nach den ersten Minuten klar, um Gut und Böse; die dunkle Seite der Macht hat, anders als in \"Star Wars\", worauf hier angespielt wird, die gleiche moralische Verantwortung wie die helle Seite. \"Die helle Seite steht für Verantwortung, für Ordnung\", erklärt Bekmanbetov, \"die dunkle Seite steht aber für Freiheit. Und das ist ein großer Konflikt für die Menschen in Russland, denn die 90er-Jahre waren eine chaotische Zeit, aber eine Zeit der Freiheit nach jahrzehntelanger Unterdrückung derselben. Im neuen Jahrtausend wird der russische Staat immer geordneter, es funktioniert alles besser, aber dies wird langsam zu einer Zeit der Langeweile, und diese Langeweile unterdrückt auch das Freiheitsgefühl. Aber ich denke, das ist gleichzeitig ein positiver, wahrscheinlich notwendiger gesellschaftlicher Prozess.\"
Wächter Der Nacht (Nochnoi Dozor)
RUS 2003
R: Timur Bekmambetov; D: Konstantin Khabensky, Maria Poroshina, Galina Tunina; 29.09.
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