Gespenster

Park Life

23.09.2005, 17:33, Text: Julian Weber, Julian Weber

Das Motiv des Unbehaustseins zieht sich mit unheimlicher Konsequenz durch Christian Petzolds Werk. Ob bei \"Toter Mann\" oder \"Die Innere Sicherheit\", meist hat der Regisseur Traumgestalten im Blick. Entwurzelte, die jenseits der (filmischen) Normalität angesiedelt sind, wo sie darum kämpfen, den Anschluss ans Leben wiederzugewinnen. Geister, die ihren Anteil an Geschichte(n) fordern, von der(denen) sie per se ausgeschlossen sind.

So auch Nina (konsequent und großartig:

Wie sie sich am Drehbuch abarbeitet und es durch ihren Körper rauslässt und belebt, davon war ich wirklich beeindruckt.*', FULLHTML, STICKY, MOUSEOFF)\" onmouseout=\"return nd();\">Julia Hummer). Sie besitzt wenig mehr als ihren Ein-Euro-Job bei der Parkverwaltung, lebt in einem Heim und wirkt scheu und linkisch in ihren Bewegungen. Da brechen zwei Schatten in diesen Alltag ein: Die Französin Françoise (Marianne Basler), die auf Nina das Schicksal ihrer verschwundenen Tochter projiziert, und Toni (die Schweizerin Sabine Timoteo, eine weitere schauspielerische Offenbarung), eine stehlende Drifterin ohne soziales Gedächtnis, der Nina begegnet, als diese im Park von zwei Männern beraubt und bedroht wird. Während Nina auf der Suche ist, haben Toni und Françoise ihre Bestimmung schon gefunden. Françoise bleibt in ihrer Vergangenheit verhaftet, Toni verkörpert dagegen die Gegenwart. Sie nimmt sich, was sie kriegen kann, auch Nina, weil sie von ihr sofort Zuneigung braucht. Nina ist hin und her gerissen zwischen diesen Sphären. Sie fängt an, über ihre Herkunft zu rätseln, und ist magisch angezogen von den Gedanken, wohin ihre Reise mit Toni geht.

Nicht nur, dass Petzold die Spannung dieser Personenkonstellation aufbaut; der Film \"Gespenster\" funktioniert, weil er Fragen im Dunkeln lässt. Freiräume in der Handlung werden mit schwerelos stilisierten Bildern und Tönen angefüllt. Petzold beobachtet seine Figuren bei ihrer Erzählung, so, wie man es im deutschen Film selten bis gar nicht zu sehen bekommt. Man erfährt nur das Nötigste über die Biografien, Andeutungen genügen. Körper sind im Halbschatten zu sehen, im Vorbeigehen. Wie Toni und Nina über das Trottoir stolpern, die eine bestimmt, die andere hinterhertrippelnd. Wie beide einen Klau-Ausflug durch eine H&M-Filiale unternehmen, sich Kleider unter den Pullover raffen. Wie Françoise am Steuer eines Wagens sitzt und blinzelt. Selbstverständliche Verrichtungen sind bis in ihre anatomischen Einzelteile zerlegt, und doch bleiben die Akteurinnen dieser Selbstverständlichkeit gegenüber fremd. Ton und Kamera folgen ihnen dabei Abstand lassend. Sie tasten die Umwelt ab. \"Gespenster\" ist unaufdringlich, fast ätherisch, und doch besteht in jeder Sekunde die Gewissheit, dass sich Petzolds Stil genau nicht am schönen Schein der Oberflächen erschöpft. Er setzt die Dramaturgie sanft unter Druck. Man sieht nicht nur, man hört auch, dass man in einem Petzold-Film ist.

Wo die Blätter rauschen und der Wind durch die Bäume streicht, ist der Wald nicht weit. Und der Wald ist seit je ein von Mythen umrankter Ort. Im Märchen werden Kinder dort ausgesetzt. Sie müssen sich dann durchs Dickicht zurück in die Zivilisation kämpfen. Solche Geschichten hat Petzold seinen Kindern vorgelesen. In seinem Film liegt dieser Wald in Berlin. Im Tiergarten, einem Park ohne streng angelegte Symmetrie, dafür mit romantisch anmutender Traumlandschaft. Wo einst die Kutschen rollten, verstecken sich Toni und Nina vor Ninas Gärtner-Kollegen. Deutsche Eichen sind bei Petzold mit einer blassen Schicht überzogen, Bilder mit der Siegessäule im Hintergrund hat er gleich weggeworfen. Das fahle Grün der Natur erinnert dagegen an Michelangelo Antonionis Meisterwerk \"Blow Up\". Wo der italienische Regisseur im Londoner Stadtteil Greenwich den Wind im Maryon-Park nach einem schmiedeeisernen Tor zwischen zwei Reihenhäusern aufbranden ließ, den Gegensatz Stadt und Naturerfahrung also auch akustisch einfing, verdichtet Petzold Tiergarten mit Potsdamer Platz. Konsumtempel und Traumpark bedingen einander. Während die Natur fast tumultartige Geräusche produziert, bleibt es in der Stadt seltsam ruhig.

\"Gespenster\" zeigt eine Welt der Durchgangsstationen. Eigentum scheint unzugänglich, die Stadt ist privatisiert. Ein Bild von Berlin kommt zum Vorschein, das seit den Neunzigern herumgeistert, das Image von der neuen Mitte. \"Der Potsdamer Platz war immer Brachland\", erklärt Christian Petzold. \"Dann sollte er plötzlich das Zentrum sein. Aber er ist nicht öffentlich, seine Bauten sind nicht gewachsen. Die Mall, die Arkaden, die Kinos ... Diese Orte sind so entworfen wie alte Geschichten, die 'eine Identität' fordern.\"

Petzold spricht von seinem Film als Nachgeschichte. \"Gespenster\" beruht ursprünglich auch auf Überlegungen, die der Berliner Regisseur schon bei den Dreharbeiten zu \"Die Innere Sicherheit\" angestellt hat: Die Erzählung, der \"Die Innere Sicherheit\" zugrunde lag, war eigentlich längst für abgeschlossen erklärt worden von der offiziellen Geschichtsschreibung. Die Untoten aus dem deutschen Herbst diktierten bei Petzold ihre eigene poetic justice ein. In \"Gespenster\" taumeln die Figuren wie Schlafwandler durch die Stadt. Christian Petzold hat für ihre ghost stories beeindruckende Bilder gefunden, in denen sich history und mystery verstärken.

Gespenster
D 2005
R: Christian Petzold; D: Julia Hummer, Sabine Timoteo, Marianne Basler, Benno Fürmann; 15.09.



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