NVA

D 2005

22.09.2005, 11:07, Text: Sonja Eismann, Sonja Eismann

R: Leander Haußmann; D: Detlev Buck, Kim Frank, Ignaz Kirchner; 29.09.

Die DDR als Klamaukkulisse scheint immer noch zu funktionieren. Nach der rührenden Coming-of-age-Geschichte \"Sonnenallee\" setzt Leander Haußmann bei seiner nächsten Ost-Aufarbeitung auf deftigere Töne. Und spielt dabei auf zwei Motiven, die für eine offensive Komik willig sind: den letzten Tagen eines autoritären Staates, der durch seine erst retrospektiv begriffene Auflösung in diesem Stadium völlig unbedrohlich erscheint, und der dazugehörigen Armee, die durch die mit ihren Drohgebärden und ihrer Disziplinierungsverliebtheit gepaarte Nutzlosigkeit erst recht zur fröhlichen Lachnummer gerät.

Die Nationale Volksarmee, in die alle Jungmänner zwangseingezogen werden, figuriert dabei nicht nur als rite of passage auf dem Weg zur Mannwerdung, sondern in dieser historischen Konstellation auch als letzter Schritt auf dem Weg zur Loslösung von einem unterdrückerischen Staat. Denn coming of age ist bei Haußmann immer als eine doppelte Loslösung zu lesen - klassisch als Befreiung von der Kindrolle und als Hineinwachsen in die adulte Sexualität, aber auch als (versuchte) Loslösung vom wachenden, strafenden System.

\"NVA\" will hierbei gar nichts anderes sein als ein unterhaltsamer Jungsfilm, der aus sicherer Distanz das ironisiert und von der Geschichte als überholt abhakt, was ja in ähnlicher Form in jedem Staat mit Armee immer noch zu haben ist. Er bietet die Sujets, die man von einer Bundeswehr-Klamotte erwartet: harte Hierarchien, die zur Drangsalierung durch die Oberen und die Stubenältesten führen, aber auch Jungsfreundschaften, Gespräche über Liebschaften und Wichsen und natürlich zahllose groteske Situationen, die ihre Absurdität gerade aus dem Kontrast der gespielten Bedrohung zur absoluten Vertrotteltheit der Realität beziehen: wenn z. B. der verträumte Henrik (gespielt von Kim \"Echt\" Frank) halbblind und verzweifelt im Wald gegen jeden zweiten Baum stolpert, weil er durch seine von innen beschlagene Gasmaske partout nichts sehen kann, oder wenn eine Übungs-Handgranate mit einem lächerlich leisen Furzen explodiert, während sich die Jungrekruten vor Angst fast ins Hemd machen.

Haußmann inszeniert die NVA als graues, meist hartes, manchmal aber auch herzliches Männer-Biotop, von dem aus es in die golden überstrahlte Außenwelt - die Domäne, die von Frauen bevölkert wird - zu entkommen gilt. Die in dieser dichtomisch eingeteilten Welt vorkommenden weiblichen Wesen, die stets gut gelaunt, kurzberockt, frech, aber gefühlvoll sind, dienen damit einzig als Katalysator für die (Wieder-) Menschwerdung der Männer.

Aber gut: Wenn man diese dem Film zugrunde liegenden archaischen Parameter außer Acht lässt, bekommt man immerhin eine vor Slapstick-Gags überquellende Komödie, in der Detlef Buck seine norddeutsche Kauzigkeit vorführen, Ignaz Kirchner als überforderter Waffen-Buchhalter brillieren und der manchmal etwas zu poetisch glotzende Kim Frank ein einfühlsames, dauerverliebtes Jüngelchen spielen darf.



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aus Intro #133 (November 2005)

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