The Cremaster Cycle

USA 1994-2002

21.09.2005, 17:23, Text: Barbara Schulz, Barbara Schulz

R: Matthew Barney; D: Norman Mailer, Aimée Mullins, Ursula Andress; 05.10.

Laut \"Cremaster Cycle\" kreist das Universum des Malers, Fotografen, Bildhauers und Installationskünstlers Matthew Barney um Fabelwesen, Vaseline, Sex, Zombies, Bienen und Zahn-OPs. Was anfangs als Performance-Verfilmung für Museen gedacht war, kommt nun als 400 Minuten langer Wahnsinn ins Kino. Aber der Reihe nach. 1992 war Matthew Barney auf der documenta IX in Kassel, wo er seinen \"OTTOshaft\" vorstellte. Das war ein riesiger Dudelsack, dessen Körper aus einem Parkhaus und dessen Pfeifen aus Fahrstuhlschächten bestanden. Barney bekam Lust, dem \"OTTOshaft\" Leben einzuhauchen, und machte Skizzen, auf denen er fünf Standorte je einer Pfeife zuordnete und sie auf fünf verschiedene Landschaften übertrug.

Zuvor kreierte Barney eine Art sexuelles System: \"Situation\" war eine Station, die sexuelle Kraft und Verlangen definieren sollte, \"Condition\" hieß ein Rohheit symbolisierender Tunnel aus Eingeweiden, und \"Production\" waren ein analer und ein oraler Output, die zu einem Kreislauf verbunden werden sollten. Ein befreundeter Arzt schlug den Namen \"Cremaster\" als Titel vor (Kremaster bezeichnet einen willkürlichen Muskel, der die Hoden je nach Temperatur oder Angstzustand hebt und senkt), den Barney passend fand, witzelte er doch, \"eine Art sexuell getriebenes Verdauungssystem\" thematisieren zu wollen.

1994 begann er mit dem vierten Teil, der auf der Isle of Man spielt und das dort jährlich stattfindende Tourist-Trophy-Motorradrennen thematisiert, an dem ein Loughton-Kandidat, ein Satyr und zwei Motorradfahrer-Zweierteams teilnehmen, die von einem Elfentrio betüdelt werden. Es folgte Teil #1, eine spooky Geschichte um zwei Zeppeline, die über einem Football-Spielfeld schweben und in denen auf großen Tischen jeweils neben einer Vaseline-Skulptur (die übrigens in jedem Teil vorkommen) viele Weintrauben liegen. Unterm Tisch liegt das platinblonde Starlet \"Goodyear\", das Trauben durch die Tischdecke pult, um daraus Choreografien zu legen, die unten auf dem Spielfeld von Tänzerinnen aufgeführt werden. Legt sie anfangs noch Linien, werden später Sexualorgane daraus, die die Tänzerinnen fröhlich tanzen. Plötzlich muss man an die Bildergewalt eines Stanley Kubrick denken, an David Lynch und David Cronenberg. Ähnliches ist beabsichtigt, denn laut Barney soll jeder \"Cremaster\"-Teil an eine andere filmische Tradition erinnern: der erste Teil an Tanzspektakel der 20er-Jahre von Busby Berkelys und Leni-Riefenstahl-Filme, \"Cremaster 5\" (1997, mit Ursula Andress und Barney in einer tragischen Liebesgeschichte) an lyrische Opern in einem ungarischen Opernhaus, Teil #2 (1999, mit Norman Mailer als Entfesselungskünstler Harry Houdini und Barney als Mörder Gary Gilmore) an Western. Im dritten und zuletzt gedrehten Teil von 2002, der im Chrysler-Hochhaus spielt, orientiert sich Barney an amerikanischen Gangsterfilmen der 30er/40er-Jahre, die er mit Elementen aus von ihm hochgeschätzten Zombiefilmen kreuzt. Von wegen hochgeschätzt: Neben klassischer und sanfter Untermalungsmusik bekommt man auch Barneys Leidenschaft für Musik härterer Gangart wie Doom Metal zu hören, vor allem in Teil #2 und #3.



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