
Sozialkritisches Kino aus Österreich
Wir Kinder vom Bahnhof
19.07.2005, 18:56, Text:
Paul Poet,
Paul Poet
Übergewichtige, zugedrogte Teenager-Pausbäckchen, die ungelenk zu Chart-BummBumm die Vorstadtdisko durchtorkeln. Leere Blicke zerstörter Fickbeziehungen im Gemeindebau. Selbstmörder. Slacker. Zufallsprostituierte. Depressions-Zombies. Ab und zu mal Amoklauf zum Drüberstreuen. Tausend Seelchen Grau in Grau. \"Sozialporno\" eben. Man muss sich dieses überreife Wort mal auf der Zunge zergehen lassen. Kein Filmland hat diesen Begriff als mittlerweile überdeutliches Arthouse-Genre bereichert wie das vor allem durch Michael Haneke und Ulrich Seidl gehypte Österreich. Keine Bildwelt hat sich in direkter Konkurrenz mit internationalen Namen wie Kim Ki-Duk, der Posse um Larry Clark und Harmony Korine, Gaspar Noe, Lynne Ramsay dermaßen durch eine ultrareale, bis zum Misogynen menschelnde Kargheit hervorgetan.
Seidls \"Hundstage\" war da 2001 das berechtigt alles wegblasende Meisterwerk, das neben dem großen Preis der Jury in Venedig vor allem die Messlatte zur Vermischung der Grausamkeit des Realen mit filmischem Storytelling ausdefinierte. Der Verblödungsparcours von Reality-TV und Dogma-Verschnitten, die die ekelhaftesten Blüten vom Ende der sozialen Fahnenstange aufpickten, stand damals am Höhepunkt, um Prime-Time-Stubenhockern galant den Schauder der Wirklichkeit zu demonstrieren: einmal Aids-Nutte, einmal Asylantendealer, einmal Gangbang-Schläger sein. All das mit einem fatalen posthumanistischen Blick von oben herab, der doch nur den Status quo, den gesellschaftlichen Stellenwert, die rücksichtslose Ich-AG in Form der \"Ach Gott! Ach Gott!\" brabbelnden TV-Belustigung rückbestätigte.
Seidl aber, der 1952 geborene, in Wien lebende Regisseur, vermied diesen Blick von Anfang an. Er begegnet seinen Subjekten, meist Laienspielern, die ihr echtes Leben inszenieren, auf gleicher Ebene, fängt ihre Gemeinheiten und Leidenschaften, ihre Herz- und Daseinsscheiße auf wertbefreiter Ebene ein. Das ist pseudo-dokumentarisch im besten Sinne. Das beinhaltet für Seidl die Verschmelzung ihrer individuellen ungeschönten Extreme mit eigener dazu fabulierender, die Protagonisten offen legender Dramaturgie und mit grafisch mathematisch angelegten, an Kubrick und Pasolini erinnernden Kadragen, die die Menschlichkeit sich an entblößender Architektur zerreiben lassen. Nach zahlreichen, bereits Stil definierenden Dokumentarfilmen wie \"Good News\" und \"Tierische Liebe\" vermengte er schon 1998 in \"Models\" schonungslos Wahrheit und Fiktion über die Oberflächenkultur als Gemeinschaftsstrip. Vier junge, karrieregeile Schönkörper wie die vergeblich Erfolg erbumsende Nervensäge Vivian Bartsch oder die ständig halbtot gekokste Silikon-Femme Lisa Grossmann verfolgt er über zwei Stunden, die wohl jeden Görentraum vom großen Posierglamour in der Werbewelt wegbetonieren. Wobei sich alle - Models, Boyfriends, Liebhaber bis hin zur Alk-seligen Drecksau des selbst demontierenden Star-Fotografen Peter \"Der Bukowski war a Freund von mir! Bei der Monroe war a immer Beine breit!\" Baumann - selbst darstellen. Die Frage bleibt offen, was wahr ist, was selbstverliebtes Suhlen im sozialen Abgrund. Die kommentarlose Nacktheit ist dabei Seidls vorderste Güte, der Unterschied zu \"Hundstage\" als erstem, als solchem deklarierten Spielfilm Seidls fließend.
Sieben beißende Miniaturen aus der Suburbia Wiens am heißesten Wochenende des Jahres, wenn die Egos im Volksmund \"wurlert\", aufgekratzt, halbwahnsinnig, sich und andere beschädigend werden. Hilflose Existenzen in grotesken Körpern zwischen billigen Swimmingpools, Schnellstraßen und miefigen Mietheimen. Seidl betrank sich Augenzeugen zufolge ohne fixe Dialoge mit seinem Cast aus bewährten Schauspielern und dem exzentrischen Swingerclub-Besitzer Viktor Hennemann, um jenseits aller Barrieren den Exzess als schönste, weil direkteste Manifestation der Seele festzuhalten. Dies setzt Seidl in eine Reihe mit seinem Vorbild Pier Paolo Pasolini, der mit Robert Bresson und Thesen-Onkelchen Godard Stichwortgeber des neuen österreichischen Tristessenkinos ist.
Schade nur, dass das, was dem mehr als berechtigten Erfolg Seidls und Hanekes folgte, dessen billiger Verschnitt war. Machwerke wie Jessica Hausners \"Lovely Rita\" oder Götz Spielmanns diesen Monat in den deutschen Kinos anlaufende \"Antares\", eine phlegmatische Vorstadt-Pulp-Fiction für notorisch Beziehungsgeschädigte, verpacken demonstrative Inhaltsleere mit dem aufgesetzten Chic des Proletoiden, Fertigen und Klassenversumpften. Der sonst für durchaus feines braves Schauspielkino bekannte Spielmann deliriert durch drei willkürlich verwobene Buhu-Mären emotional verwahrloster Bums-Genossen und lässt nicht einmal die mittlerweile mehr als billige Hardcore-Sex-Provokation mittels fahl ausgeleuchtetem Echt-Steifen aus. Gutbürgerliche Theaterchargen machen auf arm und fertig, zeigen dabei nacktes Fleisch, unglaubwürdige Charaktere und falsche Emotionen. Und dieses Disneyland der Kaputten hat keiner verdient, am wenigsten Seidl als Wegbereiter.
Ö-Tristessenkino
Angestiftet vom \"Real Cinema\" und vom humanistischen Sozialkino der Siebziger, entwickelte Österreich in den Neunzigern eine ganze Generation von Wahrheitsabbildern. Die Erfolgreichsten: Seidl, der frisch in Cannes als bester Regisseur ausgezeichnete Michael Haneke, die mit ihren Langfilmen \"Nordrand\" und \"Böse Zellen\" aus diesen Fußstapfen emanzipierte Barbara Albert. Mittlerweile geht der Ö-Film mehr in Richtung Genre, Grusel und Crime. Und Seidl wie Haneke produzieren ihre neuen Filme \"Import Export\" und \"Caché\" eher im Ausland.
Antares
A 2004
R: Götz Spielmann; D: Andreas Patton, Petra Morzé, Susanne Wuest; Zorro Films; Kinostart: 14.07.
Hundstage
A 2001
R: Ulrich Seidl; D: Maria Hofstätter, Viktor Hennemann, Georg Friedrich; DVD; Alamode Films / Alive
Models
A 1998
R: Ulrich Seidl; D: Vivian Bartsch, Lisa Grossmann, Tanja Petrovsky; DVD; Alamode Films / Alive
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