
Christopher Doyle / Dumplings
Dim Sum des Grauens
19.07.2005, 18:32, Text:
Sascha Seiler,
Sascha Seiler
Der neue Film des vielfach ausgezeichneten chinesischen Regisseurs Fruit Chan dreht sich im engeren Sinne hauptsächlich ums Essen. Jedoch geht es in der Küche der Protagonistin Mei nicht um den rein ästhetischen Genuss, ihr schäbiges Privatrestaurant ist eine Art kulinarischer Jungbrunnen. Interessant ist an diesem Film nicht zuletzt auch die prominente Besetzung vor und hinter der Kamera: Mei wird vom chinesischen Hollywood-Star Bai Ling gespielt, für die faszinierenden Bilder ist Christopher Doyle, einer der kreativsten und aufregendsten Kameramänner weltweit, verantwortlich.
Man wird es sich nach dem Besuch von \"Dumplings\" sicherlich verkneifen können, beim nächsten Abend im China-Restaurant die eigentlich recht wohlschmeckenden Dim Sum - jene gedünsteten gefüllten Teigtaschen - zu bestellen: Man weiß ja nie, was sich in ihnen verbergen könnte.
Doyle, der gerne detailliert und philosophisch auf Fragen antwortet, sieht in der Vision asiatischer Regisseure auch eine viel stärkere Entsprechung seines künstlerischen Wesens: \"Asien ist sehr ans Bild gebunden. Jungs verbringen mindestens vier Stunden am Tag im Internet, die Mädchen, die ich mag, tanzen die ganze Nacht vor beleuchteten Videoleinwänden. Ich fühle eine Energie von diesen jungen Menschen ausgehen, die zu meiner Energie wird. Sie sind Mentoren für mich: Was sie ansammeln, ist eine größere visuelle Energie, als sie Filmkritiker oder Anhänger von 'old school' Filmen jemals auch nur fassen könnten. Diese Energie bestimmt die Art, in der ich sehe und beleuchte. Diese Menschen stellen Forderungen an mich, welche 'das System' gar nicht zu stellen in der Lage ist.\"
Dieses ominöse \"System\", von dem er spricht, versperre westlichen Kameramännern auch den Weg zu visuell überwältigenden Bildern: \"Die meisten Kameramänner sind doch Nerds. Die Filmschule oder 'das System' hat sie irgendwann davon überzeugt, die eigene Persönlichkeit zurückzustellen und 'dem Film' zu dienen. Nur ist 'der Film' meist ein Sammelsurium an mediokren Ideen, das zudem von der beschränkten Einbildungskraft der Buchhalter bestimmt wird. Es ist mir scheißegal, was Tom, Leonardo oder gar Nicole verlangen und auch bekommen: Wenn wir sie nicht beleuchten, kann man sie nicht einmal riechen. Es existiert kein Traum, wenn das Licht ausgeschaltet ist. Das Filmbild ist ein Bild, das bewegt. Es bewegt sich im Raum, erreicht also dein Auge, und es bewegt dich als Person, erreicht dein Herz.\"
Jedoch wird \"Dumplings\" trotz der schön fotografierten Bilder, die teilweise an Doyles geniale Arbeit in Wong Kar Wais \"2046\" erinnern, aufgrund seines mitunter Ekel erregenden Plots auch für viel Diskussionsstoff sorgen. Ohne zu viel der Handlung preisgeben zu wollen, ist die Grenze zwischen Gynäkologie und dem Zubereiten von Speisen fließend, was, eingerahmt in die recht deutliche sozialkritische Message des Films, die aus einer Ironisierung des Jugendwahns besteht, zwar Sinn ergibt, aber aufgrund ihrer effekthascherischen Art vielleicht auch etwas zu sehr als Mittel zum Zweck erscheint. Das sieht auch Christopher Doyle nicht anders, denn, befragt nach der Vermittlung seiner persönlichen Vision im Film, bemerkt er durchaus kritisch: \"Ich habe hier keine besondere Vision verfolgt. Ich fand, das Drehbuch ließ einen moralischen Standpunkt vermissen. Also habe ich durch meine Kameraarbeit versucht, einen ethisch akzeptableren Film zu machen.\"
Ist Doyle damit ein reiner Auftragskameramann? Seine häufig verwendete Allegorie des Verhältnisses zwischen Regisseur und Kameramann als sexuelle Begegnung, bei der \"es entweder zum Äußersten kommt oder eben nicht\", lässt den Schluss zu, Doyle sei offen für alles und habe sich mit \"Dumplings\" auf ein Projekt eingelassen, das ihm gar nicht so recht zusagte. Doch auch hier hat der Kameramann ein schönes Schlusswort parat: \"Als Filmemacher und insbesondere als Kameraleute ist es unsere Aufgabe, uns sehr gut auszudrücken, sodass das Persönliche geteilt werden kann und jede Idee zur Beobachtung wird.\"
Christopher Doyle
Zu seinen jüngsten Arbeiten zählen neben Wong Kar Wais visuellen Epen \"2046\" und \"In The Mood For Love\" auch Zhiang Yimous \"Hero\", Philip Noyces \"Rabbit Proof Fence\" und \"The Quiet American\", Barry Levinsons \"Liberty Heights\" wie Gus van Sants Frame-to-frame-\"Psycho\"-Remake. Zuletzt drehte er mit M. Night Shyamalan und James Ivory.
Bai Ling
... ist zwar gebürtige Chinesin, doch spielte sich ihre Karriere hauptsächlich in Hollywood ab. Hier wirkte sie in zahlreichen Blockbustern mit, u. a. in Barry Sonnenfelds \"Wild Wild West\", Oliver Stones \"Nixon\" oder Kenny Conrans \"Sky Captain And The World Of Tomorrow\". Zuletzt arbeitete sie mit Spike Lee in \"She Hate Me\". \"Dumplings\" ist tatsächlich ihr erster Hongkong-Film.
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