Kinsey

USA 2004

18.07.2005, 16:08, Text: Michael Saager, Michael Saager

R: Bill Condon; D: Liam Neeson, Laura Linney, Peter Sarsgaard, Tim Curry; Fox

Ohne Gefängnis kein Ausbruch. Das scheint nur zu logisch. Genauso wie wissenschaftliche Großtaten nichts taugen, wenn sie nicht in Blut und Tränen getränkt wurden. So will es die Tradition des erzbiederen Genres Biopic, so will es Bill Condon, Regisseur von \"Kinsey\". Den Namen Alfred C. Kinsey kennt in den USA jedes Kind. Als Name eines Mannes, der sich anschickte, die amerikanische Bevölkerung in den 40ern über Sex aufzuklären, was ihm wohl gelang, aber nicht viel nützte: Puritanisch verklemmt ist dieses mächtige Land im Großen und Ganzen noch heute: Aber Sheriff, war doch bloß Cunnilingus!

\"Die Lust ist eine Hydra, ihre Köpfe wachsen ständig nach, immer wieder.\" Der Vater ist dieses tyrannische Gefängnis, eines, das predigt.

Kinsey (Liam Neeson) bricht dort folgerichtig aus, und über den Umweg der langweiligen, aber fantastisch vielfältigen Insektenart Gallwespe findet er den Weg zur Vielfalt menschlicher Sexualität. Der Mensch sei ein \"human animal\", meint Biologe Kinsey, und nur was sich messen lässt, könne Teil guter empirischer Forschung sein. Über diese Art Positivismus hat sich seinerzeit Adorno schon totgelacht. Nun gut. Am leichtesten zu operationalisieren sind freilich das Fick- und Masturbationsverhalten. Und was kommt raus? Alle tun alles. Und zwar skandalös häufig. Huch!

Kein ganz und gar doofes Plädoyer für das doofe Thema Toleranz ist dieser Film, dafür aber unglaublich bieder in seiner präzisen und langsamen Erzählweise nach vorne, artig unterbrochen von Biopic-typischen Rückblenden und farblich inszeniert in exakt jenen erdigen Tönen, die stets herhalten müssen, wenn die (US-amerikanische) Vergangenheit möglichst authentisch fiktionalisiert werden soll. \"Kinsey\" ist sicherlich gut gemeint, aber es erstaunt durchaus, wie sinnen- und lustfeindlich ausgerechnet ein Film über einen Mann daherkommt, der eines mit Sicherheit wollte: dass die Menschen im Bett möglichst viel Spaß miteinander haben. Einen weniger aufregenden Film zum Thema Sex muss man erst mal drehen.



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