Ausländer Raus! Schlingensiefs Container

A 2002

18.07.2005, 15:58, Text: Martin Büsser, Martin Büsser

R: Paul Poet; Monitorpop / Alive

Für kurze Zeit blickte die Welt auf Österreich, leider jedoch für zu kurze Zeit: Erstmals hatte eine konservative Regierung nach dem Zweiten Weltkrieg gewagt, mit einer rechtspopulistischen Partei zu koalieren. Christoph Schlingensief reagierte darauf mit seiner wohl spektakulärsten Aktion, dem \"Ausländer raus!\"-Container. Während der Wiener Festwochen im Sommer 2000 ließ er direkt neben der Wiener Oper ein Abschiebelager errichten, das nach dem Prinzip von \"Big Brother\" funktionierte: Zwölf \"echte\" Asylbewerber wurden in einen Container gepfercht, das Publikum konnte per Internet oder per Telefon darüber abstimmen, welcher \"Fremde\" als Nächstes abgeschoben werden sollte.

Sobald die Wahl entschieden war, sollte ein Ausländer am Abend direkt an die Grenze gebracht und des Landes verwiesen werden. Doch es sollte auch einen glücklichen Gewinner geben: \"Der letzte Neger bekommt 7000 Schilling\", erklärt Schlingensief einem alten, etwas schwerhörigen Passanten, dem dazu nichts weiter einfällt als: \"Was, kein Österreicher?\"

Paul Poets Dokumentarfilm verfolgt die sechstägige Aktion mitsamt den Tumulten, die täglich rund um den Container stattfanden und in einem Buttersäureanschlag gipfelten. \"Du deutsche Sau, du!\" brüllt eine österreichische Bürgerin Schlingensief an und fügt, quasi als Steigerung, hinzu: \"Du Künstler!\" Plakate der FPÖ, die öffentlich Hetzjagd auf Künstler wie Elfriede Jelinek machten, zeitigen hier ihre Wirkung.

Eine Assistentin der Aktion erklärt, dass \"Christoph nur Sachen aufgreift, die sowieso in der Gesellschaft vorhanden sind\": Der Mix aus \"Ausländer raus!\"-Bannern, Asylantencontainern und \"Big Brother\"-Wahlverfahren war wohl gerade deshalb so provokant, weil er der gesellschaftlichen Wirklichkeit nichts hinzufügte, sondern sie bloß in einer neuen Kombination spiegelte. Das Ende der Aktion kam schließlich für alle unerwartet: Am fünften Tag stürmten antifaschistische Demonstranten den Container, entfernten die Parolen und befreiten die Asylanten. Dass die Aktion, die der FPÖ und ihren Anhängern ein Dorn im Auge war, nicht von Rechten, sondern ausgerechnet von Linken abgebrochen wurde, ist durchaus ambivalent zu betrachten: Hat da jemand etwas missverstanden und am Ende in Schlingensief und dessen Team Nazis am Werk gesehen? Ging es darum, mit der Befreiungsaktion das Bild von Österreich im Ausland zu retten? Obwohl Schlingensief die Befreiung selbst als Beweis für das Engagement der Österreicher lobt, haben die Demonstranten vor allem der FPÖ und deren Anhängern einen Gefallen getan. Man mag von Schlingensiefs populistischen Methoden, die ihn bis nach Bayreuth gebracht haben, nicht immer sehr viel halten, doch \"Ausländer raus!\" hatte die richtigen Fragen zur richtigen Zeit gestellt und ist mit diesem Film hervorragend dokumentiert worden. Als makaberer Bonus liegt der DVD ein 8-seitiger Container-Bastelbogen bei.



Artikel kommentieren
aus Intro #130 (August 2005)
 
  • Mehr Infos

  •  
Alle Artikel von Martin Büsser, Martin Büsser
 
 

Social Network Login




Logge dich schnell und einfach mit deinen Social-Network-Zugangsdaten bei uns ein.
 

DVD-EMPFEHLUNGEN

Das neue Fernsehen - Neu auf DVD & Blu-ray

Das neue Fernsehen

Neu auf DVD & Blu-ray
... mehr



 

Platten vor Gericht: Highlights

Platten vor Gericht: Highlights

Die wichtigsten Alben des Monats - und die härteste Jury der Welt. Jetzt mitmachen! [...mehr].

 
DIE FILMSTARTS DER WOCHE
Drive - Und weitere Filmstarts und Trailer der Woche

Drive

Und weitere Filmstarts und Trailer der Woche
... mehr

 

Platten in einem Satz

Platten in einem Satz

Neu bei Intro: Plattenkritiken in SMS-Länge! Die besten "Oneliner" gibt's hier.