Sitcom

F 1998

18.07.2005, 15:51, Text: Sascha Seiler, Sascha Seiler

R: François Ozon; D: Évelyne Dandry, François Marthouret, Marina De Van; 04.08.

Ein wenig ratlos hinterlässt einen im ersten Moment dieses sieben Jahre alte Werk des in letzter Zeit hoch gehandelten französischen Regisseurs. Die allgemeine Rezeption rückte die skurrile Geschichte schnell in die Genrekategorie der Farce und somit in Sphären der sehr beliebten Pedro-Almodóvar-Filme, jedoch funktioniert Ozons Film - trotz der nicht zu verleugnenden Parallelen zum Spanier - auf zwei gänzlich anderen Ebenen. Die erste davon wäre die technisch raffinierte Fiktionalisierung des Sitcom-Konzepts, das ja letztendlich auf zwei recht primitiven, Komik stimulierenden Konstituenten aufbaut: der so genannten Situationskomik sowie der Simulation des Rezipienten durch eingespielte Lacher.

Durch den Verweis auf die Ästhetik dieser weit verbreiteten Art leichter Unterhaltung im Titel seines Films evoziert Ozon von Anfang an die Assoziation mit dem Genre und ersetzt die fehlenden Lacher durch eine bedrückende Leere. Erst dann wird klar, dass es auch nichts zu lachen gibt, ergo das Lachband vielleicht gar nicht fehlt, sondern nicht zum Einsatz kommen kann. Wie in jener Szene in Lynchs \"Mulholland Drive\" - \"No hay banda\" - wird das abwesende (bzw. in Lynchs Fall das fehlerhafte) Tonband zum ästhetischen Leitmotiv.

Hier setzt auch die zweite Ebene ein, anhand derer \"Sitcom\" sein Publikum auf meisterhafte Weise irritiert, nämlich der lange Weg von Kafkas metonymischer Verwirrung, der Omnipräsenz einer repressiv verdrängten Sexualität. Wie klug Ozon das metonymische Prinzip anwendet (das sich radikal vom häufig in ähnlich angelegten Filmen zu beobachtenden metaphorischen Ansatz unterscheidet), zeigt sich in der Reproduktion der Tintoretto-Szene aus \"Der Proceß\", nämlich, als die (vermeintlichen?) Homosexuellen an der Tür um Einlass bitten (der ihnen gewährt wird, denn sie haben das Begehren bereits begriffen), um sich dann nacheinander, die Bilder gleichen sich scheinbar aufs Haar, im Zimmer des (vermeintlich?) homosexuellen Sohnes einzufinden. Die Mutter, welche die Augen des Zuschauers repräsentiert, traut sich erst nach einer langen Weile, die (vermeintliche?) Sexorgie zu stören, findet jedoch nur ein paar Männer um ein Miniroulette versammelt, die um Zucchini spielen. Und das ist keine Farce, sondern ein klarer Verweis auf den sich nicht im Begehren befindenden K. Dass die Mutter dann erst im Inzest ins Begehren eintritt, ist schockierend, aber in diesem Zusammenhang im Grunde recht nahe liegend, hat doch der Sohn durch den Einfluss der Ratte (ergo Vater) das Begehren als Erster begriffen.

An diesem Beispiel wird klar, wie weit sich der manchmal oberflächlich wirkende Stilist Ozon mittlerweile von seiner Konzeption von Kino entfernt zu haben scheint. Betrachtet man seine letzten Werke, wird jedoch deutlich, wie intensiv er im Grunde verschiedene stilistische Ansätze verfolgt, in denen eher - besonders auffällig in seinem letzten Film \"5x2\" - formal-ästhetische denn narrative Triumphe erzielt werden.



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