Allein

D 2005

18.07.2005, 15:48, Text: Julian Weber, Julian Weber

R: Thomas Durchschlag; D: Lavinia Wilson, Richy Müller, Victoria Mayer; 28.07.

Bei einer Skulptur auf dem Hügel über der Stadt findet Maria (Lavinia Wilson) zu sich. Wenn sie an diesem unwirklichen Mauer-Block (eine Stahlbramme des amerikanischen Künstlers Richard Serra) aus rostigem Stahl lehnt und langsam den Rauch einer Zigarette inhaliert, wirkt der Stress, den ihr das Leben verursacht, weit weg. Ihr Alltag hat etwas Gehetztes und Zähes an sich. Egal, ob sie in der Uni-Bibliothek Bücher rückt und sich dabei vom Chef anschnauzen lassen muss, weil sie zu spät kommt, oder ob sie sich nachts im Club sinnlos betrinkt und wahllos Männern an den Hals schmeißt, da ist Anspannung mit im Spiel, die sich nach exzessiven Momenten \"anonymer Nähe\" in Nichts auflöst.

Diese Leere wird ihr dann zur Bedrohung. Bezugspersonen gibt es in Marias Leben kaum. Wolfgang (gespielt von Raubvogelvisage Richy Müller), ein älterer Mann, motorisiert und auf harten mechanischen Sex geeicht, raubt Maria bei selbigem auch noch das letzte Quäntchen Selbstwertgefühl. Um diese Bekanntschaft zu kappen, fehlt ihr die Kraft. Sarah (Victoria Mayer) geht durch dick und dünn mit Maria, kann sich aber nicht rund um die Uhr um sie kümmern und ist manchmal nicht für sie da. Sarah weiß, dass ihre Freundin am Borderline-Syndrom leidet und stark ausgeprägten Selbstzweifeln und Angstgefühlen ausgesetzt ist. Maria hat eine selbstzerstörerische Ader, die sich unter anderem darin bemerkbar macht, dass sie sich mit einer Rasierklinge Schnitte am Arm beibringt (\"Schnibbeln\").

Als Maria den angehenden Tiermediziner Jan (Maximilian Brückner) kennen lernt, keimt Hoffnung auf. Jan wirkt erst einmal unentschlossen, wie er sich der, die er da vor sich hat, gegenüber verhalten soll. Und außerdem ist er mit sich selbst nicht ganz im Reinen und stolpert unbeholfen durch die Gegend. Nur langsam öffnen sich die beiden, und dieses Öffnen ist vor allem für Maria ein schmerzhafter Prozess.

\"Allein\" ist das Spielfilm-Debüt des Kölners Thomas Durchschlag. Beeindruckend, wie ruhig und streng seine Bildsprache bereits funktioniert. \"Allein\" ist in Essen entstanden, wo das Leben brachliegend weiterzugehen scheint. Stadtautobahnen und Mietshäuserzeilen bilden die Kulisse für sein kammerspielartiges Setting. Bilder antizipieren Situationen, ohne sie zu kommentieren: halbleere Wohnungen, schwankende Lichtkegel von näher kommenden Autoscheinwerfern, das Labyrinth der Bibliotheksstellwände, da ist viel Platz für Maria.

In Saarbrücken und Hof, den beiden bedeutendsten Nachwuchsfestivals im deutschsprachigen Raum, heimste \"Allein\" Nominierungen und viele gute Kritiken ein. Für die Darstellung der Maria erhielt Lavinia Wilson den Preis der besten Nachwuchsschauspielerin. Zu Recht, denn sie stellt die Zerrissenheit von Maria mit seltener Gleichmut dar. \"Allein\" befriedigt dabei keine Voyeursgelüste, sondern ist ein Film der leisen Töne, der nicht dafür herhalten kann, um moralkranken Aposteln als Argumentationshilfe für sozialhygienischen Kahlschlag zu dienen.



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