
Amos Kollek
Lost in NYC
22.06.2005, 12:07, Text:
Martin Büsser,
Martin Büsser
Amos Kollek liebt New York. Wahrscheinlich muss man eine Stadt lieben, um dermaßen traurige Filme wie \"Sue\", \"Fiona\" und \"Bridget\" in ihr drehen zu können, ohne dabei in Hass und Verbitterung abzugleiten. Alle drei Filme handeln vom Schicksal einer Frau in New York, in allen Fällen von der unglaublich wandlungsfähigen Anna Thomson gespielt. \"Sue\" (1997) erzählt von der Einsamkeit einer Frau, die ihren Job und schließlich auch ihre Wohnung verliert. In bloß 16 Tagen gedreht, arbeitet der 1998 auf der Berlinale mit dem Kritikerpreis ausgezeichnete Film mit einer geradezu schmerzvollen Monotonie: Immer wieder geht Sue auf andere Menschen zu, immer wieder muss sie feststellen, wie schwer es ist, in einer so großen und geschäftigen Stadt tatsächliche Freunde zu finden.
Nach dem Erfolg der ersten beiden Filme konnte Kollek \"Bridget\" (2001) mit einem höheren Budget drehen, das es ihm erlaubte, auch außerhalb von New York zu filmen. Die Geschichte einer Frau, die während einer Halloween-Party mit ansehen musste, wie eine Freundin während erniedrigender Sex-Spiele erschossen wurde, spielt zum Teil in Beirut und Israel, wohin es Bridget als Drogenkurier verschlagen hat. Gegenüber dem visuellen Underground-Charakter von \"Fiona\" enthält \"Bridget\" einige Elemente des Mainstream-Kinos, ohne jedoch gegenüber den Vorgängern zu verflachen. Die von Kollek gewählten Schauspieler, allen voran Anna Thomson, sind einfach zu starke Charaktere, als dass es hier irgendeinen Moment von Oberflächlichkeit oder Standard-Kino geben könnte. \"Hoffnung und Humor sind zentrale Elemente meiner Filme\", erklärt der in Israel geborene Schriftsteller und Regisseur, denn ohne Momente von Hoffnung und ohne humoristische Passagen wäre diese Trilogie kaum zu ertragen. Und auch noch ein anderes Element gibt diesen vielleicht traurigsten Filmen der letzten Dekade einen Hauch von Versöhnung: Kolleks liebevoller Blick auf seine Protagonistinnen. Ähnlich wie im Fall von Pedro Almodóvar handelt es sich um die Liebeserklärung eines männlichen Regisseurs an die Frauen, die damit auch einen kritischen Blick auf eine männlich dominierte Gesellschaft wirft. \"Als Kind stand ich meiner Mutter sehr nahe\", erzählt der Sohn des Jerusalemer Bürgermeisters Teddy Kollek, \"und musste mit ansehen, wie hart sie für uns alle gearbeitet hat, ohne dass dies irgendjemand bemerkt oder wirklich gewürdigt hätte.\" Doch Kollek betreibt nicht einfach nur nachträgliche Wiedergutmachung, vielmehr projiziert er seine eigenen Wünsche und Sehnsüchte in die Charaktere: \"Für mich ist es leichter, meine zum Teil intimsten Gedanken und Empfindungen aus den weiblichen Figuren heraus sprechen zu lassen.\"
Eine Besonderheit von Kolleks New Yorker Trilogie besteht darin, dass es sich um politische Filme handelt, deren Kritik am Patriarchat, kapitalistischen Überlebenskampf und an der sozialen Kälte in den westlichen Metropolen sich aus den Geschichten heraus von selbst ergibt, ohne das Politische offen postulieren zu müssen. Eher beiläufig wird zum Beispiel immer wieder gezeigt, dass alles an jeder Straßenecke etwas kostet oder dass Frauen, die fremde Männer ansprechen, sofort als Prostituierte angesehen werden. Und auch eher beiläufig, damit aber für die Zuschauer umso wirkungsvoller, queert Kollek seine Geschichten immer mal wieder - in \"Fiona\" haben die Frauen beispielsweise nur noch untereinander lustvollen Sex. Dass Fiona am Ende dann doch Zuneigung zu einem Mann empfindet, entspricht Kolleks alle drei Filme auszeichnendem, differenzierten Blick auf die Menschen: Gut und Böse sind für ihn keine starren Kategorien, die sich am Geschlecht festmachen lassen, aber auch nicht - wie in Hollywood-Filmen meist üblich - daran, ob jemand mit Drogen dealt oder gemordet hat. Leichen haben im übertragenen Sinne sowieso alle seiner Figuren im Keller. \"Sie gehen kaputt durchs Leben, weil es ihnen an Liebe fehlt\", kommentiert Kollek die Figuren aus allen drei Filmen. Alleine seine Liebe ist ihnen sicher. Geschmackvoll in Pappschubern gestaltet und mit Kommentar des Regisseurs ausgestattet, lässt sich nun zu Hause nachholen, was zu selten in den Kinos zu sehen ist.
Anna Thomson
In den 1980er-Jahren spielte Anna Thomson zahlreiche Klein- und Nebenrollen in Hollywood, unter anderem in \"Heaven's Gate\", \"Wall Street\" und \"Eine Verhängnisvolle Affäre\". Nachdem Kollek sie während eines Castings entdeckt und 1997 als Hauptdarstellerin in \"Sue\" eingesetzt hatte, entschloss sich Anna Thomson, künftig nur noch in Independent-Produktionen zu spielen, unter anderem in François Ozons \"Tropfen Auf Heiße Steine\" (1999).
Teddy Kollek
Ab 1965 war der 1911 in Wien geborene Teddy Kollek 28 Jahre lang Bürgermeister von Jerusalem. Seine Politik war von Toleranz und Zusammenhalt geprägt. Er suchte Kontakt zu allen Bevölkerungsgruppen, sowohl zur orthodoxen Gemeinde wie auch zu den arabischen Bürgern. Amos Kollek drehte einen Dokumentarfilm über seinen Vater, in seinem Politthriller \"Drei Wochen In Jerusalem\" (1992) spielte Teddy Kollek sogar als Schauspieler an der Seite von Faye Dunaway.
Amos Kollek
Sue
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