H 2004
21.05.2005, 17:18, Text:
Sascha Seiler,
Sascha Seiler
R: Lajos Koltai; D: Marcell Nagy, Béla Dóra, Áron Dimény; 02.06.
“Roman Eines Schicksallosen” ist das wohl wichtigste Werk im Œuvre des ungarischen Schriftstellers Imre Kertesz, dem vor drei Jahren der Literatur-Nobelpreis verliehen wurde, was seine weltweite Rezeption einleitete. Kertesz, so viel sei gesagt, ist ein äußerst politisierter Schriftsteller, in dessen Büchern es um Diktatur, Verfolgung und politischen Mord geht. Dies ist nicht zuletzt seiner eigenen Biografie geschuldet: Kertesz wurde als Junge in ein Konzentrationslager gebracht, und der “Roman Eines Schicksallosen” erzählt genau diese Geschichte, schnörkellos und realistisch, jedoch immer mit einer Prise Humor und Menschlichkeit.
Da man in Ungarn unheimlich stolz auf seinen ersten Nobelpreisträger ist und sich der osteuropäische Film in den letzten Jahren sowieso auf dem Vormarsch in Europa befindet, wird nun Kertesz’ berühmtestes Werk in einer recht werkgetreuen Literaturverfilmung auf die Leinwand gebracht. Dass “Fateless”, so der internationale Titel, bereits die zweite ungarische Produktion ist, die in diesem Jahr ihren Weg in die deutschen Kinos findet (nach dem spannenden U-Bahn-Thriller “Kontroll”), ist genauso erwähnenswert wie der Name des Regisseurs: Lajos Koltai ist der langjährige Kameramann und Weggefährte von Ungarns berühmtestem Filmschaffenden, dem Regisseur István Szabo, der jüngst (mit Lajos Koltai hinter der Kamera) die gelungene Literaturverfilmung “Being Julia” inszenierte. Das Drehbuch zum Film schrieb dann sogar Kertesz selbst, Ennio Morricone komponierte gar die Filmmusik, und Lisa Gerrard steuerte ihren Gesang bei. Ein ungarisches All-Star-Projekt also? Man könnte schon meinen, dass hier der Entwurf für einen osteuropäischen Hochglanzmoment des politischen Kinos erstellt wurde. “Fateless” kann tatsächlich als Versuch gewertet werden, einen international Aufsehen erregenden Film zu produzieren: monumental inszeniert und von der ungarischen Regierung zu großen Teilen gesponsert. Doch wie gut ist das Resultat tatsächlich?
Literaturverfilmungen kranken ja stets an der Schwierigkeit, die Erzählstimme adäquat auf die Leinwand zu transportieren. Nun ist die Stimme des Jungen (bzw. des erinnernden Erwachsenen) im Buch nüchtern und sachlich, fast unbeteiligt im Hinblick auf das immense Leid, welches das Schicksal für ihn parat hielt. Dies gleitet im Film bei aller erzählerischen, epischen Größe, die sich Koltai bei Szabo abgeschaut hat, leider zu oft in falsche Sentimentalismen ab, wobei die Frage schon berechtigt wäre, welcher Film über ein solch gewichtiges historisches Thema dies nicht tut, will er Menschen erreichen. Bravourös gespielt vom jungen ungarischen Schauspieler Marcell Nagy, hebt sich der Film nicht zwingend über ähnliche Narrationen zum Thema ab und erreicht sicherlich nicht die Qualität von “Das Leben Ist Schön”, dennoch ist dies ein berührender, auch wichtiger Film: für das osteuropäische Kino sowieso, aber auch für uns westliche Zuschauer.
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