Tony Takitani

Kalte Einsamkeit

21.05.2005, 15:47, Text: Sonja Eismann, Sonja Eismann

Tony Takitani J 2004, R: Jun Ichikawa; D: Yumi Endo, Rie Miyazawa, Hidetoshi Nishijima; 09.06.

&
Haruki Murakami
Tony Takitani
DuMont, 64 S., EUR 14,90

Auf den ersten Blick ist Haruki Murakamis Erzählung “Tony Takitani” kein Stoff, der sich für eine Verfilmung anbietet. Statt dicht komprimiert eine unerhörte Begebenheit zu zeichnen, die sich mit filmischen Mitteln bildgewaltig und punktgenau umsetzen ließe, erzählt der japanische Bestsellerautor auf knappen Seiten das ganze traurige Leben des einsamen Japaners Tony Takitani.

Doch Regisseur Jun Ichikawa hält sich trotzdem streng an die literarische Vorlage, die anlässlich der Verfilmung erstmals in deutscher Übersetzung veröffentlicht wurde, und filmt die knapp 30 Manuskript-Seiten fast buchstabengetreu ab. Der Respekt vor dem Œuvre des weltweit aufgrund seiner schlichten, immer irgendwie traumhaften Lakonik verehrten Schriftstellers, der noch nie zuvor seine Einwilligung für eine Verfilmung seiner Stoffe gegeben hat, wird so deutlich sichtbar.

Tonys Vater, mit dem die Geschichte in den 30er-Jahren anfängt, ist ein lebenslustiger Jazz-Musiker, der nach Shanghai auswandert und dort nach Ende des japanisch-chinesischen Krieges in Gefangenschaft gerät. Als er nach Jahren der Haft unter grausamsten Bedingungen als einziger Japaner das Gefängnis lebend verlässt und nach Tokio zurückkehrt, sind seine Eltern im Bombenhagel umgekommen und ihr Haus liegt in Schutt und Asche. Er schlägt sich weiterhin, immer erfolgreicher, als Musiker durch, hat viele Liebschaften und eine Ehe mit einer entfernten Verwandten, bei der keiner der Beteiligten so recht versteht, wie sie zustande gekommen ist. Nachdem seine Frau den gemeinsamen Sohn geboren hat, verstirbt sie im Kindbett, und der Vater nennt das Kind nach langem Grübeln nach einem der amerikanischen Majore, mit denen er gemeinsam musiziert. Tony wächst fast alleine unter der Aufsicht einer Haushälterin auf, weil sein Vater immer auf Tournee oder doch zumindest emotional absent ist. Als er alt genug ist, sich um die täglichen Dinge selbst zu kümmern, schickt Tony die Haushälterin weg. Bald entdeckt er sein Geschick für akribische Zeichnungen, die ihm in der Schule und im künstlerisch ausgerichteten College nicht viel Lob bringen, aber hinterher dafür sorgen, dass er als technischer und Werbe-Zeichner ein mehr als gutes finanzielles Auskommen hat. Tony ist völlig in sich gekehrt und lebt trotz sozialer Kontakte und einiger flüchtiger Beziehungen zu Frauen wie ein emotionaler Eremit. All das ändert sich, als er in seinem Büro die junge Grafikerin Eiko kennen lernt, in die er sich auf den ersten Blick verliebt – unter anderem, weil er keine Frau kennt, die sich so schön kleidet wie sie. Nach einigen kurzen emotionalen Wirren, während derer Eiko ihren Freund verlassen muss und Tony zum ersten Mal in seinem Leben so etwas wie Schmerz, Verzweiflung und Sehnen spürt, heiraten die beiden. Sobald die anfänglichen Verlustängste abgeklungen sind, lebt Tony so erfüllt und glücklich wie nie zuvor in einer perfekten, stillen Ehe-Idylle. Das Einzige, das ihm Sorgen bereitet, ist die Kaufsucht seiner eleganten Frau, die beim Shoppen von Designer-Kleidung in einen regelrechten Rausch verfällt. Ein ganzer Raum in ihrem Haus ist bereits ausschließlich ihren Kleidern gewidmet. Als Tony dieses Thema nach einer Weile zögerlich anspricht, gelobt Eiko unter innerlichen Krämpfen Besserung – und dann passiert ein schreckliches Unglück.

Jun Ichikawa stellt mit seiner Filmversion von “Tony Takitani” mit ihren kunstvoll arrangierten Bildern und den schwebend leichten Klavieruntermalungen von Ryuichi Sakamoto eher eine Komposition als eine Narration her. Die Figuren erscheinen in ihrer kapselhaften Einsamkeit unwirklich, symbolhaft, in gewisser Weise fleischlos, da formale Aspekte in dieser märchenhaften Studie des Alleinseins dominieren. Das fast grausam illusionslose und doch höchst poetisch aufbereitete Motto von “Tony Takitani” scheint zu sein: Der Mensch, alleine geboren, stirbt auch allein.

“Ich gehöre derselben Generation an wie Haruki Murakami und habe alle seine Romane gelesen. Die Themen Verlust und Einsamkeit, die sich wie ein roter Faden durch sein Werk ziehen, haben mich als Angehörigen einer Generation, die sowohl die Aufbruchstimmung der späten Sechzigerjahre als auch die Enttäuschung angesichts ihres unvermeidlichen Endes erlebt hat, sehr stark angesprochen. Bei Murakamis ‘Tony Takitani’, einer Kurzgeschichte, die vor über einem Jahrzehnt erschienen ist, handelt es sich um eine Parabel über die Einsamkeit. Eine Einsamkeit, die sich offenbar ganz von selbst über die Generationen hinweg fortzupflanzen vermochte und die man unmöglich alleine bewältigen kann”, erklärt der Regisseur seine Faszination für den Stoff.

Das Parabelhafte des Films wird durch die Erzählerstimme aus dem Off unterstrichen, die erklärende Sätze spricht und mit wörtlicher Rede von den SchauspielerInnen, die sich auf einmal an die Kamera wenden, komplettiert wird, wodurch Fiktionalität, Konstruiertheit und damit auch Universalität des Geschehens unterstrichen werden. So flattern auch in Innenräumen die Haare der DarstellerInnen ganz unrealistisch, um auf das Nicht-Substanzielle dieser Verzauberung hinzuweisen, und die Kamera bewegt sich an Mauern vorbei von Raum zu Raum und zeigt dabei eine chronologische Progression an, die an die einzelnen Panels von Comics erinnert. Die Künstlichkeit der Situationen führt letztlich nicht dazu, dass den ZuschauerInnen jede Form von Empathie versagt wird, sondern sie macht im Gegenteil die kalte Einsamkeit der Charaktere umso plastischer.

Ryuichi Sakamoto
Mit der 1978 in Tokio gegründeten Synthiepop-Band Yellow Magic Orchestra erreichten der studierte Elektronik-Musiker und seine Kumpanen Haruomi Hosono und Yukihiro Takahashi den Status einer japanischen Version von Kraftwerk. Ihr Stück “Computer Game (Theme From The Invaders)” kletterte 1980 auf Platz 17 der britischen Charts. Spätestens seit Mitte der 80er hat sich Sakamoto als Solo-Künstler und Schauspieler etabliert, der für die Filmmusik von Bertoluccis “Der Letzte Kaiser” (1987) sogar einen Oscar gewann.



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