Netto

D 2004

28.02.2005, 12:35, Text: Lorraine Haist, Lorraine Haist

R: Robert Thalheim; D: Milan Peschel, Sebastian Butz, Stephanie Charlotta Koetz; 10.03.

Netto ist ja bekanntlich das, was unterm Strich übrig bleibt. Im Fall von Marcel Werner (Milan Peschel) ist da nicht mehr viel. Er ist der Prototyp des Wendeverlierers, wie man ihn in den Berliner Ostbezirken an jeder Ecke trifft: Zu schlecht vorbereitet auf den Mauerfall und zu gutherzig, um den Folgen der feindlichen Übernahme seiner Welt angemessen begegnen zu können, geht es nach 1989 nur noch abwärts. Erst die Arbeitslosigkeit, dann haut auch noch die Frau zum \"fetten Westler\" ab und nimmt den gerade geborenen Sohn Sebastian mit.

Nach fünfzehn Jahren Quartalssuff, gescheiterte Geschäftsideen und soziale Isolation steht Sebastian (Sebastian Butz) plötzlich vor Marcels Wohnungstür in Prenzlauer Berg: \"Voll peinlich, wie's hier aussieht\", findet der Sohn. Aber besser das Chaos bei \"Papa\" ertragen als die Pseudo-Idylle im Haus von schwangerer Mutter und Ersatzvater. Da ist Marcel aber zunächst anderer Meinung. Er hat nämlich gerade \"unheimlich viel zu tun\"; per Heimstudium bildet er sich zum Sicherheitsexperten fort, dazu läuft der Soundtrack seines tristen Lebens: Peter Tschernig, \"der Ostberliner Johnny Cash\". Und weil Sebastian gleich unangenehme Fragen stellt, will Marcel den altklugen Störfaktor am liebsten sofort wieder loswerden. Gut für die beiden und den Film, dass Sebastian sich nicht abwimmeln lässt. Denn aus dieser ungelenken Vater-Sohn-Begegnung, eigentlich ja keine große Sache, entwickelt Regisseur Robert Thalheim eine der anrührendsten Geschichten, die das deutsche Kino seit langem geschenkt bekommen hat. Apropos geschenkt: Nur 17 Drehtage und nicht mal fünftausend Euro hat das Projekt gekostet, das ursprünglich als Seminararbeit in der von Rosa von Praunheim geleiteten Klasse an der Potsdamer Filmhochschule gedacht war. Mittlerweile beim Saarbrücker Max-Ophüls-Festival ausgezeichnet, hat es ›Netto‹ sogar zur diesjährigen Berlinale geschafft. Was sicher nicht nur daran liegt, dass hier mit so noch nicht gesehener Authentizität vom Leben anno Hartz IV erzählt wird, sondern auch an den fantastischen Darstellern, aus deren Unterstützung die Story erst ihre Unmittelbarkeit gewinnt. Vor allem Milan Peschel als Loser Marcel ist eine ganz große Nummer: Das Ensemblemitglied an Castorfs Terrortheater Volksbühne improvisiert seiner Figur ununterbrochen derart schöne Momente und Sätze und damit Dimensionen herbei, dass man das Haupt senken möchte vor so viel schauspielerischem Können. Ohne Sebastian Butz als Sohn-Widerpart und Stephanie Charlotta Koetz als dessen erste Liebe würde das Ganze aber trotzdem nicht funktionieren. \"Also, mal abgesehen von deiner Form, hast du auch überhaupt kein Profil\", urteilt Sebastian einmal über die miesen Bewerbungsunterlagen seines Vaters, und dem fällt bei so viel pubertärer Trockenheit gar nichts mehr ein. Was bleibt ihm bei diesem Sohn anderes übrig, als endlich aufzuwachen?



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