Franka Potente

Female Zombie

25.02.2005, 17:47, Text: Jörg Buttgereit, Jörg Buttgereit

In ›Die Bourne Verschwörung‹ wird Franka Potente erschossen, hat einen Autounfall und ertrinkt in einem See in Nepal - ganz schön viele Tode, die sie da sterben muss, und das (zu ihrem offen gelegten Ärger) nach nur zehn Filmminuten. Dafür überlebt sie glücklicherweise den derben Horror-Schinken ›Creep‹ von Christopher Smith.

›Creep‹ enthält viele Reminiszenzen an die harten Horrorfilme der 70er- und 80er-Jahre. Der titelgebende Creep, der in der Londoner Unterwelt sein Unwesen treibt, ist ein direkter Nachfahre der stets körperlich entstellten Hinterwäldler des amerikanischen Backwood-Horrorfilms. Überhaupt wird der geschulte Horrorfan Dutzende von Reminiszenzen an die harten Splatter-Filme von Lucio Fulci, Dario Argento und Tobe Hooper erkennen.
Kennen und mögen Sie diese filmischen Vorlagen?

Sicher, einige dieser Filme kenne ich. Obwohl ich ursprünglich keinen richtigen Zugang zum Kino hatte. Ich wollte zum Theater. Aufgewachsen bin ich in einer deutschen Kleinstadt ohne Kino. Erst mein ehemaliger Partner Tom Tykwer, mit dem ich vor sechs Jahren ›Lola Rennt‹ und danach ›Der Kaiser Und Die Kriegerin‹ gedreht habe, der hatte ein Faible für Horrorfilme und hat mich da herangeführt, mir so einige Filme gezeigt.

›Creep‹ ist nach ›Anatomie‹ der zweite Horrorfilm, in dem Sie die Hauptrolle spielen. Für arte sind Sie mit John Carpenter durch L.A. gezogen. Kann man Ihnen also eine gewisse Affinität zum Horrorfilm unterstellen?
Das Irre ist ja, dass man von Horrorfilmen lange verfolgt wird und sie trotzdem immer wieder anschaut. Horrorfilme gelten komischerweise als Schmuddelkram, das guckt man nicht. Dabei funktionieren Horrorfilme im Kino ja ähnlich wie Komödien. Man sitzt mit all diesen fremden Leuten in einem großen dunklen Saal und hat diese kollektive Erfahrung mit einer direkten körperlichen Reaktion. Man zuckt gemeinsam zusammen, wird durchgeschüttelt, oder man lacht gemeinsam mit all diesen Leuten. Das ist für mich das Tolle am Kino. John Carpenter meinte zu mir, dass es wichtig sei, nicht alles auf der Leinwand zu zeigen, weil es grade das Unbekannte ist, was den Menschen so erschreckt.

Was hat Sie daran gereizt, die Rolle der Kate, also des Opfers, in einem Horrorfilm zu spielen?
Ich habe vor den Dreharbeiten zu ›Creep‹ all die Dinge in meinem Kopf gesammelt, die mich bei Frauen in Horrorfilmen immer so stören. Die laufen doch ständig völlig unbedarft von einer Falle in die andere. Das wollte ich anders machen. Außerdem hatte ich so viel Spaß beim Dreh von ›Anatomie‹, dass ich gerne noch einen richtigen Genrefilm machen wollte. Obwohl die ganzen Genrekonventionen und bestimmten Regeln, an die man sich halten muss, schon ein strammes Korsett für einen Schauspieler bedeuten. Ich wollte die Kate in ›Creep‹ so echt wie möglich spielen. Ihre Angst und ihr Schmerz sollten so ehrlich wie möglich sein. Sie ist vielleicht mit der Figur von Jamie Lee Curtis in ›Halloween‹ vergleichbar. Das klassische Opfer, das den Film aber überlebt. Kate ist sicher so etwas wie eine moderne Jungfrau, eine Alice im Wunderland, die in eine dunkle Höhle stürzt. Jetzt sitzt sie da im Londoner Untergrund und macht eine Art Läuterungsprozess durch.

Sind Sie als \"Scream Queen\" nicht auch Projektionsfläche für die unterdrückten Gewaltfantasien des Publikums?
Kate ist ja nicht einfach nur ein Opfer. Sie ist auch auf eine verknotete Weise emanzipiert. Sie ist jemand, der zurückschlägt, sie hat diesen Überlebenswillen, sie sagt: \"Ich will hier raus.\" Ich habe schon darauf geachtet, dass die Rollen in ›Creep‹ gerecht verteilt sind. Sowohl Frauen als auch Männer werden ja von diesem Creep abgemurkst. Sie ist ein deutsches naives Mädchen in London; einem Klischee von Lifestyle verfallen, arbeitet sie als Bookerin bei einer Model-Agentur. Innerhalb des Genres ist es schon okay, wenn sie dafür bestraft wird, dass sie eine oberflächliche Ziege ist. Am Schluss des Films ist sie nicht mehr als ein Häufchen Elend in einem Designerkleid, da kommt ihre ganze Verletzlichkeit, ihr wirkliches Ich zum Vorschein. Aber natürlich bekomme ich jetzt auch diese unterschwellig empörten Resonanzen, gerade von weiblichen Journalisten: \"Wie können Sie nur in so einem Film mitspielen?\" So was tut man hier wohl nicht. Ich frage mich, ob Quälereien und Blut auf der Leinwand die Deutschen wohl noch immer dumpf ans Dritte Reich erinnern.

Warum, glauben Sie, gibt es derzeit mit Remakes wie ›Texas Chainsaw Massacre‹ oder ›Dawn Of The Dead‹ eine Renaissance der harten Horrorfilme?
Das sind ja bezeichnenderweise alles amerikanische Filme. Ich glaube, in den Köpfen der Amerikaner setzt sich grade der Schock vom 11. September. Es gibt da scheinbar diesen unterdrückten Zorn, eine Sehnsucht nach Blut. Einen Film zu machen, in dem der Irak zerbombt wird oder in dem Leute mit Turbanen gequält werden, das geht natürlich nicht. Aber diesem unterschwelligen Urreflex nach Rache in blutigen Horrorfilmen zu frönen geht als Ventil scheinbar in Ordnung. Man kennt das doch von sich selbst auch. Wie gern würde man manchmal einer bestimmten Person in die Fresse schlagen, darf es aber nicht.

Der titelgebende Creep ist der Sohn eines Chirurgen, der in einer Szene in seinem mit eingeweckten Föten dekorierten unterirdischen Operationssaal mit einer rostigen Säge blutige Operationen an einem hilflosen Opfer vornimmt. Zeitweilig hat man das ungute Gefühl, der Film verlasse den sicheren Boden des Mainstream und drohe vielleicht sogar in ein geschmacklos subversives 80er-Jahre-Schlachtfest zu entgleisen. Nun hat ›Creep‹ eine Jugendfreigabe ab 16 Jahren erhalten. Finden Sie das okay?
Ich denke, 16-Jährige müssten mit dem Film zurechtkommen. Er ist doch eine Art alptraumhaftes Märchen.

Franka Potente
Die 1974 in Münster geborene Franka Potente ist als deutsche Lola in die weite Filmwelt hinausgerannt. Inzwischen spielt \"unser Mädchen in Hollywood\" an der Seite von Schauspielern wie Johnny Depp und Matt Damon. Derzeit ist sie mit ›Creep‹ und ›Die Bourne Verschwörung‹ im Kino zu sehen.

Backwood-Horror
Sub-Horror-Genre, in dem zumeist geistig zurückgebliebene und körperlich versehrte Hinterwäldler mit ihren inzestuösen Familien über konsumorientierte, verwöhnte Stadtmenschen herfallen. Prominente Beispiele wären ›Beim Sterben Ist Jeder Der Erste‹, ›Hügel Der Blutigen Augen‹ oder ›Wrong Turn‹.



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