Code 46

GB 2003

25.02.2005, 14:03, Text: Julian Weber, Julian Weber

R: Michael Winterbottom; D: Tim Robbins, Jeanne Balibar, Samantha Morton; 03.03.

Jede Zukunftsvision beginnt in der Gegenwart. Als Michael Winterbottom 2002 sein Flüchtlingsdrama ›In This World‹ drehte, das die Odyssee afghanischer Flüchtlinge von Peshawar bis nach London nachzeichnet, gab es große bürokratische Schwierigkeiten, bis überhaupt Visa für seine afghanischen Darsteller beschafft werden konnten. In Winterbottoms aktuellem Film, dem Sci-Fi-Thriller ›Code 46‹, der in der nahen Zukunft spielt, ist die Frage nach Visa, den so genannten papelles, das zentrale Thema. Die Welt, wie sie Winterbottom hier zeigt, ist strikt getrennt in Haves und Have-Nots, in Innen und Außen.

Wer drin ist, arbeitet als Transnationaler in Chipfabriken, Versicherungs-Boutiquen und Scanner-Laboratorien in Metropolen wie Dubai, Seattle oder Shanghai. Nach außen hin sind diese Metropolen wie gated communities abgesichert. Dies übernimmt Sicherheitspersonal an streng bewachten Checkpoints. Direkt an die Städte grenzt die so genannte al fuera, die Randzone, an. Das sind wüstenähnliche unwirtliche Gegenden mit Slums, die von Verlierern und Flüchtigen bewohnt werden. Für die Reise zwischen den Städten herrscht strenge Visumspflicht. Die Randzone sieht man als Städter lediglich auf der Fahrt vom Flughafen ins Zentrum, am Checkpoint versuchen fliegende Händler aus der al fuera ihre Billigware an die Städter loszuwerden. Dort kauft sich der Versicherungsdetektiv William Geld (Tim Robbins) Zigaretten. Er wird von seiner Sphinx-Corporation zur Aufklärung eines Visumsbetrugs nach Shanghai entsandt. Papelles sind so begehrt wie harte Währung und daher bevorzugte Objekte von Betrügereien. Williams Standortvorteil ist sein Empathie-Virus, der es ihm ermöglicht, Gedanken anderer Menschen zu lesen. Deshalb ermittelt er in Shanghai in kurzer Zeit Maria (Samantha Morton) als Schuldige. Sie arbeitet in der papelles-Abteilung und hat einem Freund heimlich eine Chipkarte besorgt. Aber der Versicherungsdetektiv verliebt sich unerklärlicherweise in Maria, anstatt sie der Tat zu überführen. Genau an ihrem Geburtstag verbringen die beiden eine Nacht miteinander. Der Code 46 ist eine Präambel im Gesetzestext des totalitären Überwachungsregimes: Sie besagt, dass Menschen mit ähnlichem genetischen Profil keine Kinder miteinander zeugen dürfen. William findet heraus, dass er und Maria Gemeinsamkeiten haben. Das Unheil nimmt seinen Lauf. Es gibt einige unerklärliche Drehungen in der Handlung von ›Code 46‹. Vergleiche mit ›Blade Runner‹ und ›Fahrenheit 451‹ fielen, wirklich angebracht sind sie nicht. Was an der Story und den Figurenzeichnungen bis zuletzt mysteriös bleibt, das macht Winterbottom mit den Stadt- und Landaufnahmen wieder wett. Der On-location-Spezialist inszeniert besonders Shanghai als atemberaubende Metropole, in der Garküchen in Bretterbuden, silbergraue Hochhauskomplexe und postmoderne Fughafenarchitektur in einer Art ewiger Nacht ineinander verschmelzen. Die Menschen sind in funktionalen Wohnparzellen untergebracht. Big Brother ist ein von allen selbstverständlich hingenommener Normalzustand. Das macht Angst und ist schön anzusehen.



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