Paris, Texas

D/F 1984

25.02.2005, 13:13, Text: Carsten Schumacher, Carsten Schumacher

R: Wim Wenders; D: Harry Dean Stanton, Nastassja Kinski, Dean Stockwell; Arthaus

Paris, Texas‹ brachte Wim Wenders 1984 die Goldene Palme von Cannes. Heute nennt er diesen Film eine Plattform für alle anderen, die später kamen. Und eigentlich war es der Film, der die vorangegangenen schon hätten sein müssen. Der Film erzählt die Geschichte eines sprach- und erinnerungslosen Mannes, der gemeinsam mit seinem siebenjährigen Sohn aufbricht, dessen Mutter zu suchen. Erstaunlich gut gelungen ist der DVD-Fassung dabei der Audio-Kommentar des Regisseurs, der davon erzählt, wie viel hier dem Zufall überlassen wurde.

Wenders, der sich zu Beginn der Dreharbeiten mit nur der Hälfte eines Drehbuchs begnügte, hat sich wie ein staunendes Kind auf die Bilder Amerikas gestürzt und alles Faszinierende mit eingewoben. Altersweise nennt er die Länge seiner Einstellungen heute »kühn« und spricht stellenweise gar ungeduldig ob der heute geänderten Sehgewohnheit von der »imaginären Schere«, um dann immer wieder das Loblied auf die entfesselten Improvisationstalente seiner Darsteller anzustimmen. Zur Mitte der Dreharbeiten hatte Wenders jedoch sein gesamtes Set nach Hause schicken müssen. Der erste Teil war abgedreht, alles Übrige stand nur schemenhaft im Raum. Drehbuch-Autor Kit Carson musste ihm mangels Fax oder Telex zu dieser Zeit alle weiteren Dialoge in stundenlangen Telefongesprächen von Minnesota (von einem anderen Set) nach Texas diktieren. Wenders schien das opportun. Ohnehin legt er in seinem Kommentar des Films nur an sehr ausgewählten Stellen Wert auf die vorher festgelegten Dialoge. Zumeist schwärmt er mit sonorer Erzählerstimme von Farben, Bildern und in der Ödnis vorbeihuschenden Zügen. Dauernd brausen sie durch die Wüstenbilder, kamen in Wirklichkeit jedoch nur einmal am Tag. Wenders und sein Kameramann bauten den Drehplan einfach um den Fahrplan, und es war klar, dass die entsprechende Szene ein One-Take sein musste.

Cineasten stehen auf solche Geschichten, genauso wie es Musiker lieben, dass Wenders seinem Filmkomponisten Ry Cooder einen kongenialen Status einräumt. Mit der Bottleneck-Gitarre vor der Leinwand sitzend, hatte Cooder improvisiert und laut seinem Regisseur eine ganz eigene Erzählebene ins Werk gezogen. Ich selbst habe mich lange auf diese Ebene konzentriert und die Musik über Jahre zum Einschlafen benutzt. Die Bonus-DVD ist für eher Hartgesottene. Man sieht, wie Wenders und die Kinski in brachial geschmacklosen 80er-Fummeln in Cannes aufrauschen, bekommt noch einmal die ungeschnittene Version der bereits im Film gezeigten Super-8-Rückblende und ein gewohnt schleimig-betuliches Interview von Roger Willemsen. Höhepunkt hier sind eigentlich die 19 herausgeschnittenen Szenen, zu denen glücklicherweise ebenfalls der Audio-Kommentar von Wenders angeboten wird. Denn wer bei einem derart langen Film wie ›Paris, Texas‹ auch noch den Papierkorb durchwühlt, will bestimmt alles ganz genau wissen.



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