Egoshooter.Video ergo sum

D 2004

25.02.2005, 12:48, Text: Christoph Büscher, Christoph Büscher

R: Christian Becker, Oliver Schwabe; D: Tom Schilling, Camilla Renschke, Max Timm

Computer-Ballerspiele, so genannte Egoshooter wie ›Half Life‹ oder ›Halo‹, bei denen der Spieler aus der Ich-Perspektive Menschen und Monster abknallt, bieten Feuilleton und Bildungsbürgertum immer wieder Vorlagen, um mit erhobenem Zeigefinger über den traurigen Zustand und die angebliche Verrohung der Jugend zu dozieren. In seinem gleichnamigen Spielfilmdebüt geht es dem Kölner Filmduo Christian Becker und Oliver Schwabe dagegen um eine möglichst wertfreie Sicht auf das Leben des 19-jährigen Jakob (Tom Schilling). ›Egoshooter‹ bezieht sich hier vor allem auf die Ich-Perspektive der Videokamera, durch die Jakob sein Leben zu begreifen versucht.

Sein Leben scheint richtungslos, ohne Höhepunkte oder Konsequenzen. Trotzdem hält er seinen Alltag mit besessener Genauigkeit in einem filmischen Tagebuch fest: das Abhängen auf Partys, die HipHop-Konzerte seines besten Freundes Phillip (Max Timm), das Zusammenleben mit seinem älteren Bruder Kris und dessen Freundin Karo, seine Beziehung zu Mani (Camilla Renschke), einem Mädchen seiner Clique, ebenso wie einen nächtlichen Einbruch in eine fremde Wohnung oder ein Besäufnis mit der allein stehenden Mutter seines besten Freundes.

Der Film verzichtet dabei auf einen gradlinigen Handlungsablauf und mischt die subjektive Kamerasicht Jakobs mit kurzen, aus einer eher objektiven Haltung heraus gefilmten Spielszenen. Ästhetische und inhaltliche Vorlage von ›Egoshooter‹ waren dabei die dokumentarischen Videotagebücher, die Oliver Schwabe in den letzten sechs Jahren für den NDR produziert hat: \"Die Idee der Videotagebücher war es, eine Person sich selbst portraitieren zu lassen, indem man sie ein Jahr lang mit einer Videokamera ihr Leben filmen lässt. Das Material war natürlich noch viel fragmentarischer als in ›Egoshooter‹, weil wichtige Entwicklungen der Personen einfach ungefilmt blieben. Jakob ist daher eine Art Schnittmenge aus fünf Jugendlichen dieses Alters.\"

Die Richtungs- und scheinbare Bedeutungslosigkeit in Jakobs Leben setzt sich auch in der fragmentarischen Erzählform des Filmes fort. Auf eine Botschaft oder eine dramatische Wendung wartet man bis zum Ende hin vergeblich. Dies ist aber gleichzeitig die große Stärke des Films, der kein verklärtes, moralisierendes Generationsportrait zeichnen will, sondern vor allem an einer möglichst authentischen Darstellung der Figuren interessiert zu sein scheint: \"Wenn man selbst so um die Dreißig ist und einen Film über Jugendliche macht, kriegt das schnell so was Romantisierendes. Wir wollten aber möglichst nah an dem dran bleiben, was uns in den ursprünglichen Videotagebüchern von den Jugendlichen selbst angeboten wurde. Der Film ist ein Ausschnitt von zwei bis drei Wochen aus Jakobs Leben oder dem eines Gleichaltrigen, der nichts beschönigen, aber auch nichts dramatisieren will. Wir wollten jegliche Kommentare bewusst klein halten. Jakob schafft sich seinen eigenen Kosmos, lebt vor sich hin, und nichts scheint so richtig Konsequenzen zu haben. Das sollte sich auch im Film widerspiegeln.\"

Die Besetzung der Rolle des Jakob durch Tom Schilling ist dabei ein echter Glücksfall. Er verleiht dem schüchternen Slacker-Typen Jakob, dessen Obsession für seine Videokamera vor allem seine Beziehungsarmut überspielen soll, ein glaubhaftes Eigenleben: \"Es war klar, dass der Film eine Ein-Mann-Show sein würde. Wir brauchten jemanden, den man sich über achtzig Minuten angucken kann und der diesen Jugendlichen authentisch verkörpert. Tom Schilling war schnell begeistert, fand das Arbeiten ohne festes Drehbuch zunächst aber ungewohnt, denn eigentlich mag er keine Improvisation.\"

In einer fast schon unwirklich wirkenden Szene gegen Ende des Films trifft Jakob in einem ansonsten menschenleeren Fußgängertunnel auf den legendären Songwriter Nikki Sudden, der ihm wie eine Erscheinung gegenübertritt und mit einem traurigen Blues-Song die ausweglose Situation von Jakobs driftendem Leben musikalisch zusammenzufassen scheint. Aber auch dieser Auftritt ist folgenlos: Statt Jakob eine Art Botschaft zu vermitteln, bittet ihn der alternde Rock'n'Roller am Schluss seines Vortrags lediglich um Feuer für eine Zigarette. Kein Drama, aber auch keine Erlösung.

›Egoshooter‹ ist ein polarisierender Film, der über eine rein ästhetische Erkundung des Einsatzes von Videomaterial im Spielfilmformat hinausgeht und durch die fragmentarische Tagebuchform mit gängigen Seh- und Erzählgewohnheiten des Zuschauers bricht. Doch gerade weil er kein Generationsportrait sein will, stellt ›Egoshooter‹ mit einem ehrlichen und beteiligten Blick auf das Leben der Zwanzigjährigen einen Gegenentwurf zur oft stark verzerrten Mediensicht auf die Teens von heute dar.

Radikal Digital
In der Reihe ›Radikal Digital‹, produziert von Ute Schneider und Wim Wenders, erhielten seit 2001 bereits drei junge Filmemacher die Gelegenheit, mit Digitalkameras ihren ersten Low-Budget-Spielfilm zu drehen: ›Junimond‹ von Hanno Hackfort, ›Narren‹ von Tom Schreiber und ›1/2 Miete‹ von Marc Ottiker.

Tom Schilling
Nach seinen Rollen in ›Crazy‹, ›Verschwende Deine Jugend‹, Oskar Roehlers ›Agnes Und Seine Brüder‹ sowie dem Hitlerjugend-Internatsfilm ›Napola - Elite Für Den Führer‹ nahm Jungstar Tom Schilling für die Dreharbeiten zu ›Egoshooter‹ selbst die Kamera in die Hand. In allen Video-Szenen, die aus der subjektiven Perspektive heraus gedreht sind, bediente er eigenhändig die Videokamera.



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aus Intro #125 (März 2005)
 
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