The Nomi Song

D 2004

24.02.2005, 17:44, Text: Jan Kedves, Jan Kedves

R: Andrew Horn; mit Ann Magnuson, Kenny Scharf, Kristian Hoffman, Man Parrish u. a.; 24.03.; www.thenomisong.com

Klaus Nomi kam keineswegs vom Mars, sondern aus Essen. Auch war er kein Roboter, sondern ein ganz normaler Schwuler, der seine Freizeit damit verbrachte, Limonen-Tarte zu backen und Darkrooms zu besuchen. Trotzdem passt es, wenn in ›The Nomi Song‹, dem Dokumentarfilm über seine Karriere, zu Beginn ein Alien auf der Erde landet und Menschen ihre Münder aufreißen, weil sie nicht begreifen, was sie dort gerade sehen: Zwei Szenen aus dem Sci-Fi-Schinken ›It Came From Outer Space‹ (1953) dienen dem Film als Klammer - ein Kunstgriff, der nicht abwegig erscheint, wenn man bedenkt, dass Nomi sich zeitlebens selbst als Alien stilisierte.

Etwas anderes blieb ihm gar nicht übrig: Immerhin war er verrückt genug, mit einem Mix aus Opernarien und New-Wave-Pop berühmt werden zu wollen.

Als Klaus Sperber, dem netten Jungen von nebenan, wäre ihm das nicht gelungen. So schuf Sperber mit \"Klaus Nomi\" die seit Ziggy Stardust exzentrischste Kunstfigur der Popmusik: ein leichenblass geschminkter Roboter, der mit weit aufgerissenen Augen und hartem deutschen Akzent Arien schmettert, und das im Kastratensopran. Selbst in der New Yorker New-Wave-Szene der späten 70er, in der Schockieren durchaus zum guten Ton gehörte, war das \"far out\". 22 Jahre nach Nomis Tod hat sich der Filmemacher Andrew Horn mit ›The Nomi Song‹ nun vorgenommen, den wahren Nomi zu zeigen - denn das, was heute in ein paar Musikvideos und den Pop/Rock-Fächern ordentlich sortierter Plattenläden von ihm übrig ist, hat nicht viel mit dem zu tun, was Nomi war, bevor er 1981 einen Plattenvertrag unterschrieb. Talent, Erfolglosigkeit, Verzweiflung und Verrat: Der Film erzählt eine klassische \"Behind The Music\"-Story, von einem schüchternen Jungen, der Elvis genauso liebt wie Maria Callas, der mit seinem Countertenor aber keinen Blumentopf gewinnt - zumindest nicht in West-Berlin, wo er Ende der 60er-Jahre Gesang studiert, dabei der großen Bühne aber nur als Platzanweiser der Deutschen Oper nahe kommt. In New York erfindet er sich neu, für seinen Durchbruch muss er schließlich aber Unterstützer und Freunde hinter sich lassen, man könnte auch sagen: opfern.

The Nomi Song‹ lebt dabei erstaunlich gut damit, dass einige dieser Wegbegleiter als Interviewgäste fehlen. Dass David Bowie, der Nomi 1979 zu einem Auftritt bei ›Saturday Night Live‹ und somit zum entscheidenden Karriereschub verhalf, keinen O-Ton abgibt, ist zu verschmerzen - er spielte in der Nomi-Story ohnehin nur den einmal kurz herabsinkenden Deus ex Machina. Dafür fällt umso stärker auf, dass die drei anderen \"Nomis\", die gemeinsam mit Sperber die ursprüngliche Nomi Show konzipierten, um nach Unterzeichnung des Plattenvertrags dann zunehmend in den Hintergrund gedrängt zu werden, nicht dabei sind: Boy Adrian und Janus waren nach Auskunft von Andrew Horn schlicht nirgends ausfindig zu machen, Joey Arias hingegen, der es in den 90ern als Billie-Holiday-Imitator durchaus noch zu einiger Prominenz brachte, half zwar bei der Recherche, ließ sich aber nicht vor die Kamera bewegen. Was ›The Nomi Song‹ in puncto O-Töne vermissen lässt, macht er dafür mit 60 Minuten Live-Footage wett: Auf den Videoaufnahmen früher Performances in New Yorker Clubs wie dem Irving Plaza oder dem Xenon sieht man einen Sänger, der sein Publikum völlig elektrisiert, ihm aber trotz seiner stets wie zur freundschaftlichen Begrüßung geöffneten Arme auch seltsam fremd bleibt. Nomis Auftritt in Thomas Gottschalks Sendung ›Na sowas!‹, der damals wohl nicht nur Familie Sperber in Essen gründlich verstörte, fehlt ebenfalls nicht. Und schließlich sein letztes Konzert 1982 in München, bei dem sich zum einzigen Mal sein großer Traum erfüllte: mit großem Orchester aufzutreten.

Spätestens an diesem Punkt übernimmt dann ein Virus namens HIV die Regie: Bei seinem Auftritt mit dem Bayerischen Rundfunkorchester ist Nomi bereits von seiner Erkrankung gezeichnet, er verlässt die Bühne mit der Schlusszeile aus Purcells ›Cold Song‹: \"Let me freeze again to death\". Sechs Monate später, also zum - wie von einem Akteur der ursprünglichen Nomi Show so treffend wie sarkastisch bemerkt wird - für seine eigene Mythenbildung exakt richtigen Zeitpunkt, stirbt er in New York in völliger Isolation. ›The Nomi Song‹ erzählt somit auch die tragische Geschichte einer während der ersten HIV-Welle von Todesangst und Unwissen um die Ansteckungswege des \"gay cancer\" gelähmten Schwulenszene New Yorks. Dass Nomis noch kurz vor seinem Tod veröffentlichte zweite Platte den Titel ›Simple Man‹ trug, wirkt vor diesem Hintergrund wie der verzweifelte Hilfeschrei eines Mannes, der mit der Aura des Unantastbaren nur spielen wollte, in seinen letzten Tagen aber tatsächlich zum Aussätzigen wurde.

Am Ende des Films, nachdem sich das Alien aus ›It Came From Outer Space‹ wieder ins All verabschiedet hat und Nomis Stimme ein letztes Mal in Kunstnebel verhallt ist, steht so nicht nur die Erkenntnis, dass die Popwelt seit ihm keine außergewöhnlichere Kunstfigur gesehen hat, sondern mit einiger Wahrscheinlichkeit auch die eine oder andere Träne im Auge des Zuschauers.

Plattenvertrag
Die Original-Band der Nomi Show wurde nach Unterzeichnung des Vertrags durch professionellere Studiomusiker ersetzt. Interessanterweise erschienen Klaus Nomis Alben nicht in den USA, sondern bei RCA in Frankreich. Dort feierte er auch seine größten Erfolge: Für ›Klaus Nomi‹ erhielt er in Paris eine Goldene Schallplatte. Dies erinnert an aktuelle, ebenfalls hauptsächlich in Europa erfolgreiche Acts wie Fischerspooner oder Scissor Sisters, die wie Nomi aus dem New Yorker Kunst-Underground stammen, für amerikanische Plattenfirmen aber offenbar zu \"freaky\" oder \"strange\" sind, sodass sie bei europäischen Labels unterschreiben.

Joey Arias
Arbeitete Ende der 70er im übertrendigen New Yorker Klamottenladen Fiorucci als Verkäufer. Lernte in dieser Funktion Klaus Nomi kennen und gelangte dort auch auf eines der ersten Bilder von Wolfgang Tillmans. Wurde später Muse des Modedesigners Thierry Mugler und spielte 1992 in George Michaels Supermodel-Laufsteg-Video zu ›Too Funky‹ die schwarze Backstage-Scheuche. Perfektionierte einen Drag-Act als Billie Holiday, und zwar keineswegs mit billigem Lipsynching, sondern einer Holiday zum Verwechseln ähnlichen Stimme. Ist derzeit Ensemble-Mitglied des Cirque Du Soleil in Las Vegas. www.joeyarias.com

D 2004



Artikel kommentieren
 
  • Mehr Infos

  •  
Alle Artikel von Jan Kedves, Jan Kedves
 
 

Social Network Login




Logge dich schnell und einfach mit deinen Social-Network-Zugangsdaten bei uns ein.
 

DVD-EMPFEHLUNGEN

Das neue Fernsehen - Neu auf DVD & Blu-ray

Das neue Fernsehen

Neu auf DVD & Blu-ray
... mehr



 
Anzeige
 
DIE FILMSTARTS DER WOCHE
Drive - Und weitere Filmstarts und Trailer der Woche

Drive

Und weitere Filmstarts und Trailer der Woche
... mehr

 

Platten in einem Satz

Platten in einem Satz

Neu bei Intro: Plattenkritiken in SMS-Länge! Die besten "Oneliner" gibt's hier.