
Six Feet Under #2 Season 2
Warner Home Video
23.11.2004, 12:24, Text:
Sascha Seiler,
Sascha Seiler
D: Peter Krause, Rachel Griffiths u. a.
Anders als die meisten anderen amerikanischen TV-Serien, die uns in Deutschland erreichen, verfügen ›The Sopranos‹ oder eben auch ›Six Feet Under‹ über einen entscheidenden Vorteil: Sie wurden vom Pay-TV-Sender HBO produziert und gesendet, der keine Werbung zeigen muss und die Länge seiner Serien dementsprechend von 40 auf 60 Minuten aufstocken kann. Das eröffnet der narrativen Ästhetik vollkommen neue Dimensionen, muss doch selbst eine Echtzeit-Serie wie ›24‹ mit den drei Werbeblöcken à 5 Minuten auskommen. Für den Zuschauer bedeutet diese Verlängerung schließlich, dass er in eine vollkommen andere Wahrnehmungsebene gerät; der gewohnte Zeitrahmen wird aufgelöst, und eine Verlangsamung der Erzählung tritt ein (schließlich sind auch amerikanische Serienautoren das 40er-Format gewohnt).
Ein anderer Grund liegt in der Natur der erzählten Geschichte: Eine Leichenbestatter-Familie versucht sich dem Leben zu stellen, nachdem sie sich bisher nur mit dem Tod beschäftigt hat. Emotionalen Turbulenzen und ähnlichem amerikanischen Hollywood-Gut zum Trotz passiert hier nichts, was aus dem Rahmen fällt; es wird, zumindest im zwischenmenschlichen Bereich, zu keinem Zeitpunkt übertrieben melodramatisiert. Einzig der schwarze Humor sprengte in Season #1 manchmal die Grenzen der Glaubwürdigkeit und des guten Geschmacks; der ist in der zweiten Staffel erstaunlicherweise fast verschwunden.
Es verwundert schon, dass die Autoren sich dazu entschlossen, die Serie praktisch nackt zu präsentieren, ihr den Schutzschild des schwarzen Leichenbestatterhumors wegzunehmen und die einzelnen Protagonisten mit ihren Psychosen schonungslos darzustellen. Es gibt, mehr noch als in der ersten Runde, für amerikanische TV-Verhältnisse recht eindeutigen, teils homosexuellen Sex zu sehen und sehr derbe Sprache zu hören; die Konflikte, die hier ausgetragen werden, sind nicht jene, die in George Bushs Amerika an die Oberfläche geraten: schwule Lebensgemeinschaften, Abtreibung, Sexsucht und so weiter. Dass einer der Hauptdarsteller nicht nur schwul ist, sondern sein Lebenspartner erstens Afroamerikaner ist und sich zweitens diese Liebesbeziehung auch noch im Kontext konservativer protestantischer Religionsgemeinschaften abspielt (David und Keith sind streng konservative Christen, bei denen die Kirche im Mittelpunkt ihres Lebens steht), ist provokanter, als es eine ›Simpsons‹-Folge jemals sein könnte. Niemals jedoch gerät die Darstellung dieser Tabuthemen zum Selbstzweck; die Narration dominiert die Provokation. Das ist, gerade im Fernsehen, äußerst selten geworden.
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