BRD 1981
23.06.2004, 14:40, Text:
Thomas Venker,
Thomas Venker
R: Rainer Werner Fassbinder; D: Rosel Zech, Günther Kaufmann, Harry Baer, Peter Berling; Arthaus
»Jetzt gehöre ich Ihnen. Jetzt kann ich Ihnen nur noch meinen Tod schenken.« So milde, ja geradezu demütig klingt es, wenn in ›Die Sehnsucht Der Veronika Voss‹, Fassbinders vorletztem Film (danach drehte er nur noch ›Querelle – Ein Pakt Mit Dem Teufel‹), die Patienten ihrer Ärztin nichts mehr geben können. Das ökonomische Tauschgeschäft Morphium gegen Besitz hat bis zum bitteren Ende stattgefunden, die Droge hat dem Patienten seine Energie zum Kampf genommen und ihn sich final arrangieren lassen mit dem Pakt mit dem Teufel, den er eingegangen ist.
Mit ›Die Sehnsucht Der Veronika Voss‹, von Fassbinder als zweiter Teil seiner BRD-Trilogie angelegt, aber als dritter gefilmt, richtet er abermals den Blick auf die Nachkriegs-BRD der 50er-Jahre.
Aus der Warte der frühen 80er versucht er Erklärungsansätze abzuleiten für den Status quo – und auch für die von ihm schon so früh gesehene Verstärkung alter rechter Stränge in Deutschland, wie sie in den kommenden Jahren stattfinden sollte.
Im Mittelpunkt steht Veronika Voss (Rosel Zech), ein einst gefeierter Ufa-Star, deren Nähe zum System (bei aller Existenz) nie so richtig manifest wurde und von ihr nach dem Krieg gar umgedreht als Ächtung durch selbiges dargestellt wird. Die Voss, getrieben von einem unendlich starken Geltungsbedürfnis, hadert damit, nicht mehr gefragt zu sein, und gerät mehr und mehr in einen Strudel aus destruktiven Egobedürfnissen und Morphium. Bei aller offensichtlichen negativen Aura, die sie umgibt, haftet ihr aber noch immer etwas Anziehendes an. Als ihr ein Sportreporter verfällt, beginnt dieser, auch den Brüchen in ihrer Existenz nachzuforschen. Er entdeckt, dass die Nervenärztin Dr. Katz (in gemeinsamer Sache mit dem Drogenbeauftragten des Gesundheitsamtes) die Süchtigen dauerhaft mit Morphium versorgt – dafür müssen diese Dr. Katz als Alleinerbin einsetzen. Wenn all der Besitz in Drogen verrechnet wurde, gibt es Schlaftabletten statt Morphium – und der Deal ist perfekt. Der allgegenwärtige Zynismus der Geschichte setzt sich auch in den kleinsten Details des Films fort: Beispielsweise, wenn der Mann vom Gesundheitsamt bilanziert, dass das System der Kontrolle perfekt ist, die Menschen es aber nicht sind. Oder wenn in einem Nebenstrang ein jüdisches Pärchen auftaucht: Der Mann, ein Konzentrationslager-Überlebender, kann die Pein der Erinnerungen nur durch Betäubung ertragen – Betäubung, die er von einer deutschen Ärztin bekommt! (Der Name Katz ist übrigens keineswegs als antisemitisches Statement Fassbinders zu lesen, sondern beruht auf einem Beef zwischen dem Drehbuchautor Peter Märthesheimer und einem Kollegen namens Robert Katz).
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Die Sehnsucht Der Veronika Voss‹ mag nicht das größte erzählerische Epos Fassbinders sein, doch die Konsequenz, hermetische Dichte und Spannung, mit der er die schlichte, aber sehr eindrucksvolle Geschichte erzählt, sind brillant. Das sah die Jury der Berlinale 1982 genauso und vergab den Goldenen Bären – den Fassbinder in seiner ganz eigenen bescheidenen Art mit folgenden Worten annahm: »Alle waren auf irgendeine Weise happy [bei den Dreharbeiten], wir hätten den Goldenen Bären wirklich nicht gebraucht.«
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