Die Träumer

GB/F/I 2003 (R: Bernardo Bertolucci; D: Michael Pitt, Eva Green)

03.02.2004, 13:00, Text: Ulrich Kriest, Ulrich Kriest

Dabei sein ist alles, klar! Aber im Mai 1968 in Paris entscheidet man nicht selbst, ob man dabei ist. Nein, man wird auserwählt von denen, die wissen, wo es langgeht – so wie die Freaks in Tod Brownings gleichnamigem Film sagen: »You are one of us!«

Bernardo Bertoluccis neuer Film erzählt die Geschichte der 60er-Jahre noch einmal für uns Nachgeborene. Die Romanvorlage lieferte Gilbert Adair, wir sprachen bereits davon (vgl. Intro #111). Drei junge Leute – die Geschwister Théo und Isabelle und der US-Amerikaner Matthew – begegnen sich eines Abends bei den Protesten gegen die Schließung der Pariser Cinémathèque. Für die drei Cinephilen eine Katastrophe, ist ihre Existenz doch auf die Reproduktion von Gesten und Bildern gebaut, von Filmzitaten geprägt.

Wenn das Kino geschlossen ist, müssen die Filme einen anderen Weg ins Leben finden. Paris ist dafür der ideale Ort, ist es doch die einzige Stadt, die das Kino komplett ersetzen kann, wie man in dem Buch ›Paris Im Film‹ lesen kann. Die Art und Weise, wie Jean Seberg in ›Außer Atem‹ auf den Champs-Élysées den New York Harold Tribune anpreist, die Art und Weise, wie Greta Garbo in ›Queen Christina‹ die Wände eines Raumes streichelt, in dem sie glücklich gewesen ist. Bertolucci hat sich die Rechte an den Filmzitaten gesichert, die Wand zwischen Film und Realität scheint durchlässig. Dazu hören wir die passende Musik: schwerst Psychedelisches von Jimi Hendrix und der Steve Miller Band, Exzentrisches wie ›Love Me‹ von Michel Polnareff oder das von Antoine Duhamel komponierte ›Ferdinand‹-Thema aus Godards ›Pierrot Le Fou‹. Muss ich noch sagen, dass der Film zu diesem Zeitpunkt traumhaft schön ist? Dass hier wirklich Etwas in der Luft liegt, das nach Freiheit schmeckt und sich aus dem Kino, der Literatur und dem Mangelhaften der Realität speist? In der ersten Hälfte arbeitet Bertolucci mit einer Hingabe und einem Wissen an einer mäandernden Zitatflut, die es an Cleverness tatsächlich mit ›Kill Bill, Vol. 1‹ aufnehmen kann, im Gegensatz zu Tarantinos Film aber auch noch Sinn macht. ›Le Fond De L’Air Est Rouge‹ wäre ein schöner Titel für diese erste Hälfte von ›Träumer‹. Leider hat Chris Marker ihn bereits genutzt.

Es ist Isabelle, die neugierig beginnt, die Einsätze zu erhöhen, sie ins Sexuelle umzukodieren. Die Freundschaft wird zur autistischen Ménage à trois, inklusive Regression, Entgrenzung und Verwahrlosung. Welcher Film? Vielleicht ein kruder Mix aus Jules Und Jim und Ai No Corrida von Nagisa Oshima. Jetzt bewegt sich Altmeister Bertolucci (›Der Letzte Tango In Paris‹, ›1900‹) auf vertrautem Terrain, interessiert studiert er die Regression des Trios und insbesondere den schönen Körper seiner Hauptdarstellerin. Mit den sexuellen Eskapaden verliert der Film Kraft und Charme, die Figurenzeichnung wirkt zunehmend fahrig. Sind die französischen Geschwister Wissende oder leben sie nur einen matten radical chic? Matthew wirkt davon mal erotisch angezogen, mal ideologisch abgestoßen. Die politischen Diskussionen über Maoismus wirken altklug und riechen nach Second-Order-Nostalgie. Eines Tages fliegt ein Pflasterstein durchs Fenster auf die einsame Insel. Draußen tobt die Revolte. Wird sie auch für das Trio ein paar Rollen bereithalten? Im Gegensatz zum skeptischen Roman, der hier eine letzte aberwitzige Volte aus dem Ärmel schüttelt, entscheidet sich Bertolucci für windelweiche Sentimentalität. In seinem Film hat tatsächlich Edith Piaf das letzte Wort. Bedauerlich!



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aus Intro #113 (Februar 2004)
 
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