
Open Hearts
Reibungslose Dramaturgie des Zufalls
23.01.2003, 15:45, Text:
Ulrich Kriest,
Ulrich Kriest
Über diesen Film, den achten \"Dogma\"-Film und den zweiten \"Dogma\"-Film einer Regisseurin (nach \"Italienisch für Anfänger\"), kann man ausdauernd streiten. War \"Dogma\" nicht mal explizit gegen die Überwältigungsästhetik des Illusionskinos à la Hollywood angetreten, um wieder Zugang zu den ungekünstelten Gefühlen der Menschen zu erlangen? Und jetzt das! Zwar verfügt auch \"Open Hearts\" sehr souverän über den semi-dokumentarischen Formenfundus, an den wir uns längst gewöhnt haben, wenn von \"Dogma\" die Rede ist. Doch im Gegensatz zum Formalen ist \"Open Hearts\" alles andere als \"zufällig\" oder \"ungekünstelt\" - im Gegenteil: Hinter dem \"Zufälligen\" schnurrt eine reibungslose Dramaturgie des Zufalls, die fast schon mit der Penetranz einer Versuchsanordnung exekutiert wird.
Dennoch ist \"Open Hearts\" ein ziemlich spannender und recht erwachsener Film, der an die große Tradition des europäischen Autorenfilms erinnert, bestimmte soziale Entwürfe (hier: die Utopie der Zeitenthobenheit von Gefühlen; die Zerbrechlichkeit des Lebens; die Grenzen der Kommunikabilität) mit Konsequenz zu sezieren (Stichwort: Antonioni). Das romantische \"Ich liebe dich für immer\" steht gegen das nihilistische \"Mitten im Leben sind wir vom Tode umfangen\". Wer jetzt an den 11. September denkt, liegt, glaubt man der Regisseurin Susanne Bier, völlig richtig. Insofern ist \"Open Hearts\" auch als ein weiterer Beitrag zu \"11\"09\"01\" lesbar, wobei diesmal keine Türme einstürzen, sondern Sicherheiten des Alltags weggesprengt werden. Genau dafür, für die Registrierung der Spuren solcher emotionalen Überforderung in den Gesichtern und Gesten der Figuren, sind die ästhetischen Mittel von \"Dogma\" vorzüglich geeignet. Wobei nicht unerwähnt bleiben darf, dass Biers Film bei allen melodramatischen Verwerfungen durchaus eine heitere, leichte und entspannte Note innewohnt. Wie gesagt: Darüber lässt sich vorzüglich streiten.
Elsker dig for evigt; Dänemark 2002; R: Susanne Bier; D: Sonja Richter, Nikolaj Lie Kaas, Mads Mikkelsen, Paprika Steen;
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