Gangs of New York

Amerikas Fundament

22.01.2003, 16:19, Text: MichaelMKrumbein, MichaelMKrumbein

Der größte Gag dieses bewusst humorlosen Films kommt am Ende, als Martin Scorsese die Skyline von New York im Zeitraffer vor dem Auge des Zuschauers neu entstehen lässt. Zu den süßlichen Klängen von U2s \"The Hands that built America\" erhebt sich als letzter Mosaikstein das World Trade Center in den Himmel, und gerade als man denkt, er lässt es in einem Anfall von fehlgeleitetem Patriotismus wieder verschwinden, ist der Film zu Ende, und das Gebäude steht immer noch. Klar, als man anfing, \"Gangs of New York\" zu drehen, war die Welt auch noch eine andere, und der Film wurde ja auch ein ganzes Jahr lang geschnitten. Meisterhaft übrigens, wie Editorin Thelma Schumacher aus einer nur zu erahnenden Fülle von Material einen kohärenten, auf der narrativen Ebene fast schon zu glatten Erzählfluss gebastelt hat.

Das ist gerade deshalb erstaunlich, weil vor einem halben Jahr noch zu lesen war, den Zuschauer erwarte ein konsequent zusammenhangloser, beinahe surrealer Historienfilm. Dramaturgische Schwächen, auch das merkt man sofort, sind alleine der kommerziell gerade noch gestatteten Länge, bzw. Kürze von 160 Minuten geschuldet, was natürlich auch wieder eine faule Ausrede für Scorsese ist, da Sergio Leones \"Once Upon a Time in America\" 240 Minuten dauerte und trotzdem kurzweiliger war.

Viel wurde schon im Vorfeld über die schauspielerische Klasse gesprochen, mit der Daniel Day-Lewis den bösen \"Butcher\" spielt und der peinlichen Leistung DiCaprios, doch ist das alles zweitrangig, wenn ein Film der so viel verspricht, ein solches Ausmaß an biederem Mainstream bietet. Das klischeehafte Rachedrama, das sich Plot nennt, ist bis zur Unerträglichkeit vorhersehbar, Charaktere, zweidimensionaler als in jedem TV-Movie. Und doch sind es zwei Faktoren, die \"Gangs of New York\" zu einem monumentalen, einzigartigen Ereignis machen: Auf der einen Seite die Ausstattung, die nicht weniger als grandios genannt werden kann. Auf der anderen Seite aber, und das ist von zentraler Bedeutung für die spätere Rezeption dieses Films, ist hier ein latenter Anti-Amerikanismus zu spüren, der manchmal subtil, manchmal plakativ eingesetzt, die Stimmung des gesamten Films bestimmt und das würdelose Rachedrama in einem anderen Licht erscheinen lässt. Der Einsatz dieses anfangs erwähnten U2 Songs ist reine Ironie: Scorsese missbraucht das Pathos nicht, um in den Chor jener einzusteigen, welche die demokratischen Grundfeste bejubeln, auf denen Amerika gebaut wurde. Er zeigt, umrahmt von einer sarkastischen Relativierung pathetischer Momente, dass Amerikas Fundament aus nichts anderem als Blut und Bigotterie besteht. Und dafür gebührt ihm Respekt.

Sascha Seiler

USA 2002
(R: Martin Scorsese. D: Leonardo DiCaprio, Daniel Day-Lewis, Cameron Diaz, Jim Broadbent)



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