
So waren die Bavarian Open
Nobel und holzgetäfelt
04.12.2007, 11:00, Text:
Christoph Dorner, Foto: Christoph Dorner
Fotostrecke:Bavarian Open
Eine feine Sache also, auch aus der Retrospektive: Wöchentlich hatte Moderator Achim Bogdan in der Rubrik „Montagsdemo“ im Zündfunk Nachwuchsbands vorgestellt und Juror Thees Ulmann seinen Senf dazu geben lassen. Die Gewinnerband, Sir Simon Battle, durfte den Abend im Funkhaus mit adoleszentem Indie-Pop in eröffnen. Schöne Songs, aber auch ein ganz schön nervöser Sänger, dieser Simon Frontzek. In Studio 2 folgte mit Scott Matthew die erste Entdeckung der Zündfunk-Redaktion. Der vollbärtige Solist aus New York wurde nur von Cello und Klavier begleitet und schmachtete sich in der Tradition von Anthony & The Johnsons und Rufus Wainwright durch ein kurzweiliges Set. Sein erstes Album soll im März 2008 erscheinen. Danach rüber ins Studio 3, wo sich in erster Linie aufstrebende Nachwuchsbands verdingten. So auch Yucca aus der fränkischen Post-Punk-Schmiede Hersbruck, deren Dance-Punk bei allem Druck dahinter doch etwas zu sehr nach Schema F klang. Keine Frage, dieses Genre hat sich lange genug kopiert und ist wieder auf dem absteigenden Ast.
Zu den ersten Abräumern des Abends wurden im Anschluss The Felice Brothers, ein Bande New Yorker Goldschürfer auf der Suche nach dem Dylan-Sound der 60er und 70er Jahre. War ja klar, dass „volkstümliches“ Songwritergut gepaart mit Gottesfürchtigkeit in Bayern im Advent gut ankommt. Ihre theatralische „Show me mercy“-Nummer sicherte den Felice Brüdern jedenfalls den höchsten Merchandise-Absatz. Im großen Sendestudio 1 wirbelte unterdessen Becky Ninkovic von You say Party! We say die! in rotem Schlabberkleid und Glitzerumhang über die Bühne. Die Kanadier haben zweifelsohne gute Songs und noch bessere Vorbilder. In einem verschwitzten Club ist ihr halbstarker Riot-Pop trotz Blickfang dann doch besser aufgehoben. Deshalb schnell weiter zu Kritikerliebling Scout Niblett, die man in Nürnberg einst vor 9 Leuten spielen sehen konnte. Heute hat sich ihre Zuschauerzahl fast verhundertfacht, trotzdem gibt sich die britische Grunge-Sirene unprätentiös. Nicht in der Bühnenmitte, sondern am linken Rand platziert sich Niblett als Ich-AG und rotzt in erster Linie alte Bretter wie „How to death“ oder „Lullaby for Scout in 10 years“ ins Mikrofon. Zwischendurch vergisst sie Textzeilen, bricht einen Song, bei dem sie selbst Schlagzeug spielt, wieder ab und führt Small-Talk mit dem Publikum. Bei aller Zerstreuung – die Urgewalt und Fragilität ihr Musik sind beim Publikum durchaus angekommen.
Zufrieden trottet eine Mehrheit zurück ins Studio 1, wo Holy Fuck bereits zu Spielen begonnen haben. Als „Chemical Brothers mit analogem Gerätepark“ wird die Band aus Toronto im Programmheft passenderweise abgehandelt. Was hat Intro-Autor Christian Steinbrink geschrieben: „Sie kombinieren den Enthusiasmus von !!! mit dem klangforschenden Irrwitz sowie der reduziert rockenden Basis Trans Ams und einer guten Portion krautrockigen Freigeistes.“ Live und in erster Reihe noch drei mal geiler. Zugegeben, um einmal kurz Durchzuschnaufen sind die Jolly Goods danach nicht die beste Wahl. Schließlich sind zwei Schwestern aus dem Odenwald so etwas wie eine deutsche Hoffnung in Sachen Riot Grrl-Punkrock. Live rumpeln ihre Songs auch ordentlich, nur die Attitüde mit Mikro umtreten und auf dem Boden wälzen gerät etwas zu sehr nach dem Riot Grrl-Leitfaden. Aber die Mädels sind ja erst 16 bzw. 19 Jahre alt.
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