
Haldern Pop Festival 2011
Der aktuelle Stand vom Niederrhein
13.08.2011, 17:49, Text:
Katja Peglow,
Carsten Schumacher
Das 28. Haldern Pop Festival läuft und wir sind dabei. Bisherige Höhepunkte: Yuck, Okkervil River und der Kampf von James Vincent McMorrow gegen die Wombats.
Auch in diesem Jahr lautet das Motto, des in der niederrheinischen Provinz gelegenen Haldern Pop Festivals: Ausverkauft statt Ausverkauf. Bereits im Januar sind alle verfügbaren Tickets vergriffen – und das, obwohl zu diesem Zeitpunkt noch keine einzige Band für das Line-up bekannt gegeben worden ist. Ein Traum für jeden Festivalveranstalter.
Der Donnerstag
Weniger traumhaft für den Festivalbesucher: das niederrheinische Wetter, das sich bis zum frühen Abend nicht so recht entscheiden kann und an den Nerven, der bereits zahlreich angereisten Festivalgängern zerrt.
Sommerliche Temperaturen sollen fortan jedoch nur noch im überfüllten Spiegelzelt herrschen, wo die aus Island angereisten Retro Stefson ihren bunten Musik-Eklektizismus verbreiten und für ordentlich Party-Stimmung sorgen. Deutlich verhaltener geht es im Anschluss beim neuesten Haldern-Pop-Signing zu. Die polnische Singer-/Songwriterin Julia Marcell mag zwar bereits die Herzen der Haldern-Pop-Familie gewonnen haben, doch so richtig überzeugen kann ihr dramatischer Piano-Pop an dem Abend die rund 800 Besucher im Spiegelzelt leider noch nicht. Viel besser ergeht es da schon den Londonern Yuck, die trotz anfänglicher Soundprobleme mit krachigem Indierock jegliches Saalgeflüster sofort verstummen lassen und nicht nur outfittechnisch (ganz in Jeans gehüllt) Nineties-Nostalgie verbreiten. Sehr schön auch, dass das Quartett auf der Bühne inzwischen deutlich spielfreudiger rüberkommt als noch zu Beginn des Jahres während ihrer Clubtour hierzulande. An Spielfreude mangelt es den zu späterer Stunde auftretenden The Avett Brothers aus North Carolina mit Sicherheit nicht, die im Programmheft des Festivals („Datt Blatt“) für ihre zügellose Punkgrass-Bühnenshow gelobt werden. Warum der seichte Folk-Rock mit gefälligen Bluesgrass-Anleihen der bärtigen Brüder aber derart frenetisch abgefeiert wird, bleibt dann doch ein wenig rätselhaft. Ohnehin oft mit ihnen in Bezug gesetzt, weckt der Auftritt wohlige Erinnerungen an den ebenfalls frenetisch gefeierten Gig ihrer britischen Doppelgänger Mumford & Sons 2009 auf der Mainstage. Dorthin hätte auch Hype-Liebling Anna Calvi gehört, die mittlerweile viel zu groß geworden ist, um noch in Zelten spielen zu müssen. Aura lässt sich eben schlecht bei Nieselregen auf Videoleinwänden übertragen.
Der Freitag
Tatsächlich hält sich der Regen auch noch über Nacht und fasst sich dann vormittags nochmal ein Herz, alles raus zu lassen. Dann ist aber erstmal Ruhe. 206 eröffnen im Spiegelzelt und werden wenig später von Bodi Bill abgelöst, deren Bemühungen in der zu diesem Zeitpunkt schon wieder tropischen Atmosphäre des dampfenden Rundbaus mit seinen Tiffany-Fenstern zu bestenfalls zarten Rave-Gefühlen verleitet. Ihre Zeit kam einfach zu früh.
Ein ihnen folgender Johnny Flynn darf zwar ein durchgetauschtes Publikum begrüßen, erzeugt mit seinem traditionellen Folk ebenfalls noch keine magischen Momente. Laura Marling war im letzten Jahr an selber Stelle deutlich charismatischer zu Werke gegangen. Flynn bleibt ernst, das Publikum erklärt ihn für relativ unspektakulär und beginnt einen Plausch.
Zur selben Zeit wirken The Antlers auf der Hauptbühne wie eine verwitterte Version von Franz Ferdinand als sie ihren Zuhörern erklären, dass sie mittlerweile zwei Tage nicht geschlafen hätten. Als sie dann noch hinterherschieben, das alles nur für ihr Publikum getan zu haben, fühlt sich dasselbe doch sehr geneigt ihnen mitzuteilen, dass das nun wirklich nicht nötig gewesen wäre. Heute laufen also entsprechend die monoton-verschlafenen Sachen der Band vor der Kulisse grauer Wolken besonders gut. Niemand fordert sein Geld zurück, niemand fährt vor Freude aus der Hose.
Zurück im Zelt dreampoppen gerade die Wild Beasts vor sich hin und wissen ihre Leute schon deutlich stärker zu fesseln. Verzückt tut Haldern, was es am besten kann: zuhören. Die 80er-Anleihen liegen erfolgreich im Trend, während der schöne zweistimmige Gesang leider allzu stark an den Boxen zerrt, die sich darauf leider klanglich gequält geben. Vielleicht ein letztes Aufbäumen in berechtigter Sorge, denn nur ungefähr eine Stunde später lässt der Geräuschpegel von außen erahnen, zu was Socalled die Zeltbesucher in der zweiten Hälfte ihres Sets zu bringen vermögen. Gegen diese Spaßbude konnte Gisbert zu Knyphausen auf der Hauptbühne jedenfalls nicht mit ähnlichen Mitteln konkurrieren. Da können die Mädchen vor ihm so lange „Gisbert!“ rufen, wie sie wollen. Die übrigen lauschen jedenfalls in Andacht.
Lockerer wird’s kurz drauf bei Miss Li, erhält aber auch einen Unterton von Stadtfest. Die junge Sängerin aus demselben Heimatort wie Mando Diao swingt vor sich hin und hämmert dazu auf ein klassisches Honkytonk-Klavier. Zur Vertreibung Gisberts dunkler Gedanken reicht‘s.
Dann folgt ein vorläufiger Höhepunkt. Okkervil River aus Texas sind da. Will Sheff nimmt seine Brille ab und die Band dreht am Indie- und Folkrock-Rad bis am Anschlag der Punk explodiert. Jetzt sind wir langsam wirklich wieder bei Mumford 2009. Hit reiht sich an Hit und die Songs wirken dabei mitunter so kalifornisch, man möchte sie unter Eiscrème-Werbung legen. Niemand ist sich zum Mitklatschen zu schade, als Sheff die Brille wieder aufsetzt, wirkt er sichtlich zufrieden.
Kurz drauf müht sich Alexi Murdoch im sanften Pendeln zwischen Cat Stevens und Nick Drake. Klassisches Bild bei solchen Kandidaten: Der innere Kreis betet, während die Hinterbänkler ungeniert quatschen.
Richtig unangenehm wird es dann allerdings, wenn bei flüsterleiser Musik von draußen, von der Hauptbühne her, eine Band wie The Wombats (deren Sänger Murph im Übrigen rein äußerlich ein entfernter Vetter des Haldern-Veranstalters Stefan Reichmann sein könnte) ins Spiegelzelt hineinlärmen. Stimmung! Den wirklich ganz phantastischen Gesang des hier solo auftretenden James Vincent McMorrow droht es bisweilen dadurch zu zerlegen. Durch alle Türen, Fenster, Ritzen wummert es von draußen, dass man Murph zeitweise besser verstehen kann als McMorrow. „So thats how The Wombats sound like“, meint der Ire darauf in seiner freundlich verschmitzten Art. Und ab diesem Punkt beginnt er mit dieser wirklich skurrilen Situation mit einer Art Galgenhumor zu spielen. Er fühle sich plötzlich wie eine Rockband und wolle irgendwas kaputtmachen, meint er ohne auch nur ein Quäntchen lauter zu reden als zuvor. Dann spielt er seinen nächsten Song so wie sich vorstellen würde, dass eine große Band – zum Beispiel die Wombats – ihn covern würde.
Und schließlich treibt er es völlig irre, indem er den letzten Song ohne Mikro singen will. „If I Had A Boat“ geht entsprechend baden, wird von den Wombats durchlöchert und zum Spielball ihrer von draußen hereinschmetternden Soundwellen bis plötzlich ihr Lied an genau der Stelle aufhört, an der McMorrow zur Klimax schreitet und in die plötzliche Stille mit „Once I had a dream/ once I had a hope“ hineinbricht, dass das versammelte Zelt, das die Wombats mittlerweile so kollektiv wie abgrundtief zu hassen gelernt hat (nichts für ungut, Wombats) im Glücksgefühl des kathartischen Moments baden darf, dass es nur so überschwappt.
Die Pokerpartie ging für McMorrow auf und direkt nach dem Song geben die Wombats von Ferne wieder Gas als hielten sie sich für Green Day. Mc Morrow lässt sich währenddessen in aller Ruhe zur Zugabe klatschen und bietet mit „Wicked Game“ noch einen tollen Abschluss.
Die von den Wombats strapazierte Bühne darf anschließend Josh T. Pearson übernehmen. Ein schwieriger Platz zu diesem Zeitpunkt. Kurz darauf wird auch noch langatmig umgebaut, gestimmt, getrimmt, gesoundcheckt. Tim Isford hatte mit seinem Orchestra und dem ehemaligen Czars-Sänger John Grant zwei Tage in Haldern geprobt und nun soll zur Aufführung kommen, was Grant zuvor schon in anderer Version mit Midlake auf dem Album „Queen of Denmark“ eingespielt hatte. Leider denkt man zu diesem Zeitpunkt in Haldern eh schon an Bettruhe, so dass sich der Platz vor der Hauptbühne immer weiter leert. Das Zusammenspiel von Isford, Grant und Orchester kämpft redlich um die Magie des Augenblicks, Grants Texte konterkarieren zudem perfekt, so dass das Gesamtbild nicht zu schwülstig erscheint und dennoch fehlt neben dem Publikum vielleicht noch das kleine bisschen Vorbereitung, das den Auftritt zum Meilensteinmoment hätte werden lassen können.
Heute geht es beim Haldern Pop mit James Blake, The Low Anthem, Fleet Foxes, Explosions In The Sky u.a. weiter.
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