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Tortoise haben - zumindest in Deutschland - eine ganze Diskurs-Lawine losgelöst: An ihnen wurde in den Neunzigern der Begriff "Postrock" festgemacht. Elektronische Musik war angesagt, Rock galt als passé, und wer doch noch Rock hören wollte, musste das mit dem Begriff "Post" legitimieren.
Wo die Vorsilbe "Post" draufstand, dort war sichergestellt, dass diese Form von Rock nicht rockistisch war, sondern vielmehr Rock-Dekonstruktion und ironisches Spiel mit Zeichen und Stilen, gekennzeichnet von einer Zurückgenommenheit, die dem Authentizitäts-Versprechen des Rock misstraute.Außerdem galt "Postrock" - und das war ja auch erst einmal sympathisch - als Absage an den Macho im Rock. Introvertiertes Jazz-Gefrickel statt Guns N' Roses. Der Instrumentalband aus Chicago wurde damit ganz schön viel aufgebürdet. Vor allem im Gespräch mit deutschen Journalisten begannen sie schnell zu kapitulieren und erklärten knapp und bündig: "Uns geht es doch nur um die Musik!"
Hört man sich ihr inzwischen sechstes Album an, wird deutlich, dass es sich bei Tortoise heute wie damals tatsächlich in erster Linie um komplexe Musiker-Musik handelt, die es in der Rockgeschichte auch schon vor der Einführung des "Post"-Präfix gegeben hat, etwa bei Soft Machine und Steely Dan. So notwendig das Nachdenken über nicht-rockistischen Rock auch war, so seltsam mutet es heute an, dass die Debatte um posthistorischen Rock ausgerechnet an einer Gruppe festgemacht wurde, die noch tief in der Geschichte verwurzelt war und ist. Und zwar in der Geschichte des klassischen Prog-Rock, der auf ihrem neuen Album wieder fröhlich sprudelt. Der von Tortoise repräsentierte Chicago-Sound ist dem Canterbury-Sound der Sechziger und Siebziger, wie er von National Health, Matching Mole oder Hatfield & The North gespielt wurde, so verdammt nahe, dass man sich fragt, warum diese Achse seinerzeit inmitten der Postrock-Debatten übersehen wurde. Hier geht es nämlich wie auch einst in Canterbury um ein Geflecht aus Jazz, Rock und neuer Musik, dessen Progressivitäts-Verständnis weit von der Überwältigungs-Ästhetik bei Yes oder Saga entfernt ist. Und es geht vor allem nicht darum, das Publikum durch Griffbrett-Akrobatik zu plätten. Nein, "intellektueller" Rock darf auch Spaß machen. Das stellen Tortoise mit ihrem nunmehr vielleicht lockersten Album unter Beweis, in dem es von Country&Western-Zitaten bis zu vergnügt knarzenden Keyboard-Hymnen alles Mögliche gibt, nur keinen Krampf. Nichts wirkt hier konstruiert, um Originalität bemüht, sondern locker fließend. "Post" war gestern, willkommen in der Gegenwart.
Martin Büsser
Tortoise "Beacons Of Ancestorship" (Thrill Jockey / Rough Trade / VÖ 19.06.)
Text: Martin Büsser
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