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Wed, 25.02.2009

Soap & Skin

Im Interview: Allein mit der Angst


Warum nur ist das Leiden anderer Menschen so schrecklich-schön anzuschauen? Das wissen Gala und Bild wohl am besten. Soap & Skin aber gibt nun neue Rätsel auf. Sie liefert sich ihrer Kunst und dem Publikum vollkommen aus - und bewahrt sich trotzdem ein undurchdringliches Geheimnis. Arno Raffeiner hörte dem nachdenklichen Schweigen über ihr erstes Album zu.

Ein österreichisches Kuhdorf im frühen 19. Jahrhundert. Ein sehr jung sehr erwachsen gewordenes Genie verliert sich in Einsamkeit, Wahn, Todessehnsucht. Als einzige Möglichkeit zur Flucht bleibt nur die Musik: das mächtige Dröhnen und Donnern Hunderter Orgelpfeifen. Dieses Genie, von dem Ende des 20. Jahrhunderts ein millionenfach verkauftes Buch ("Schlafes Bruder*") erzählte, müsste heute Anja Plaschg heißen.Mit dem kleinen Unterschied, dass Plaschg nicht in einer finsteren Kirche an der Orgel, sondern in ihrem Zimmer an einem E-Piano sitzt, um zu Soap & Skin zu werden, um sich in jene Zustände zu versetzen, in denen sie kurz aus der Welt verschwinden und eins werden kann mit ihrem Unterbewusstsein.

Ehrfurcht, Ergriffenheit, Faszination, ausgelöst durch tiefe Blicke in die Seelenabgründe einer tragischen Künstlerin: Selten zuvor wurde die Ära pechschwarzer Romantik so überwältigend ins digitale Jetzt überführt wie von Soap & Skin. Ihre Geschichte müsste vermutlich nicht noch einmal erzählt werden. Es ist die alte Geschichte vom Wunderkind, und sie wurde in den letzten Jahren oft genug wiederholt. Geboren 1990 in der Steiermark, Kindheit in einem kleinen Dorf nahe der elterlichen Schweinefarm, Musikunterricht ab sieben Jahren, fanatisches Klavierspiel mit 13 und erste Kompositionen mit 14, dann der Schulabbruch und mit 16 die Aufnahme an der Wiener Akademie der bildenden Künste. Vor zweieinhalb Jahren erschien bei Shitkatapult Soap & Skins erstes Stück, das wahre Begeisterungsstürme und ein großes Rauschen im Blätterwald auslöste. Von Lokalzeitungen über Musikzeitschriften bis zur renommierten Tagespresse schlugen alle auf den ganz großen Gong. So jung, so talentiert, so verzweifelt!



Heute ist Anja Plaschg noch keine 19 und veröffentlicht ihr lange erwartetes erstes Album. Ohne Klischees (etwa das der tragischen Diva), ohne Zwiespalt (Voyeurismus bedienen, trotzdem hingucken) und vor allem ohne Pathos lässt sich auch jetzt noch nicht darüber schreiben. Mit ihr über das Album zu sprechen ist auch nicht einfach. Ihre Stimme ist oft nahe am Verschwinden - wenn sie überhaupt etwas sagt. Das Verhältnis zwischen dem manchmal quälend langen Rauschen der Stille, das man nach einem Interview mit Plaschg auf Band hat, und den kraftlos hingestückelten, aber enormen Wortmonstern, die ihr dann aus dem Mund fallen, ist ziemlich einseitig. Und doch wiegen die Monster schwerer. Es ist wie bei ihrer Musik: meist sehr reduziert, immer sehr intensiv.

Songs von Soap & Skin bestehen manchmal nur aus dem Klang eines E-Pianos, dem Knistern eines Prozessors und dieser Stimme, die so ganz anders wirkt, wenn sie singt. "Please extinguish me", "please help me" schreit, flüstert, heult sie und ist dabei doch nicht hilflos, sondern überwältigend. Sie reimt "curse of my oblivion" auf "ages of delirium", was wie ein Echo auf Zeilen von Nico klingt. Deren "Janitor Of Lunacy / Paralyze My Infancy" hat Soap & Skin bereits gecovert. Und vor Kurzem stand sie auch als Verkörperung jener großen, tragischen Dunklen der Popgeschichte auf der Theaterbühne - in einer ordentlich missratenen Inszenierung eines wie blöde mit Metaphern um sich werfenden Textes. Soap & Skins Lieder sorgten für die einzigen schrecklich-schönen Gänsehautmomente.

Nun das Album. Eine Aufgabe, die Plaschg angesichts der enormen Erwartungen vor zwei Jahren wie eine Überforderung erschien. Doch trotz aller Ängste war sie damals schon sicher, dass sie nichts anderes tun wollte, gar nichts anderes tun konnte. Fast alle Stücke von "Lovetune For Vacuum" hat sie allein zu Hause aufgenommen und arrangiert. Die Idee, die Musik gemeinsam mit Christian Fennesz abzumischen, wurde nach einem ersten Versuch (im Stück "The Sun" zu hören) wieder fallen gelassen. Beide waren sich einig, dass Plaschg ihren Weg allein zu Ende gehen musste.
Klingt wie eine perfekte Mischung aus Gustav und Cat Power. Feine Sache.
Umrahmt von den Liedern "Sleep" und "Brother Of Sleep", singt Soap & Skin Liebeserklärungen an das Vakuum, singt von Herbstlaub, Auslöschung und von Thanatos, dem Zwillingsbruder des Hypnos. Befragt nach der Leere im Titel, spricht Anja Plaschg, nach einer dieser ewig langen Pausen, von der Sehnsucht nach Körperlosigkeit, von Trance-Zuständen und dem Gefühl, während des Musikmachens nicht anwesend zu sein. Es klingt, als würde die Musik sie überfallen wie ein Rausch von Tollkirschen. Auf jeden Fall fällt es ihr schwer, im Nachhinein darüber zu sprechen, etwa auch über die Art und Weise, wie ihre schonungslose Selbstauslieferung in der Musik und auf der Bühne wahrgenommen wird, wie sich alles fasziniert auf das Klischee des verletzlichen, düsteren Genies stürzt. Das interessiere sie nicht, es rege sie nur auf, sagt sie. Aber zumindest widerspricht sie allzu naiven Gleichsetzungen: Soap & Skin und Anja Plaschg sind nicht dasselbe. Sie habe gemerkt, dass Soap & Skin nicht reflektieren könne und sich darin von Anja Plaschg unterscheide. Puh, beinahe möchte man aufatmen.

Am Ende des Albums ist Stille - und irgendwo leises Vogelgezwitscher. Ihre Angst vor der Angst sei jetzt weg, sagt Anja Plaschg noch. Eine gute Nachricht. Nun bleibt allein die Angst.


*Schlafes Bruder
1992 erschienener Roman des österreichischen Schriftstellers Robert Schneider. Die Geschichte von Elias, einem genialen Außenseiter und Orgelvirtuosen, der im finster-katholischen Alpenland des 19. Jahrhunderts in den Freitod durch Schlafentzug getrieben wird, wurde zu einem internationalen Bestseller.


Text: Arno Raffeiner

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