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Peter Ott hat die Geschichte der Goldenen Zitronen fürs Kino dokumentiert. Auf der DVD findet sich Extra-"Material" der Band. Diedrich Diederichsen trat schon in den 80ern in einem Zitronen-Clip auf und schrieb in den 90ern in der Spex einen Schlüsseltext über die Goldies. Der Autor von "Eigenblutdoping" kommt auch in der Doku zu Wort. Wolfgang Frömberg bat Diedrich Diederichsen, Schorsch Kamerun und Ted Gaier in Berlin zum Gespräch über "Eigenblutdoping" und "Übrig gebliebene ausgereifte Haltungen".
I. Haltung - Hof - Halsband
Wir treffen uns hier anlässlich von Peter Otts Goldene-Zitronen-Dokumentation "Übrig gebliebene ausgereifte Haltungen" und Diedrichs "Eigenblutdoping"-Essays. Mir stellte sich die Frage, ob das Ergebnisse von zwei Verwandlungen unter vielen im Verlauf eurer Biografien sind oder ob es sich um besondere Anlässe handelt.
SK: Erst mal hat der Filmemacher Peter Ott versucht, uns bei den Aufnahmen der "Lenin"-Platte zu begleiten. Zusätzlich hat er sich bemüht, die Spuren der Zitronen aufzunehmen, und hat WeggefährtInnen befragt. Ursprünglich war nicht geplant, eine Art Geschichtsbeschreibung von uns zu machen. Wir haben dann gedacht: "Okay, wenn es schon mal angefangen hat, dann müssen wir es auch ein bisschen vollständiger, ganzheitlicher hinkriegen." Darüber hinaus haben wir das "Material" für die DVD gebastelt. Komplett ist das natürlich nie - und ich sehe auch nicht, dass der jetzige Zeitpunkt an sich relevant ist.DD: Yilmaz Dziewior schlug mir vor, den Hamburger Kunstverein zu bespielen. Nicht das erste Mal, dass sich jemand eine Produktionsform für mich ausgedacht hat. Bislang war das immer irre hilfreich. Es gab einen Sponsor, das war die Firma Montblanc, die Füller herstellt. Ich dachte, das muss also was mit Schreiben zu tun haben. Aber wie stellt man Schreiben aus? Wie stellt man die Textproduktion aus, die in der Kunstwelt sowieso eine so große Rolle spielt? Ich durfte zwölf Monate lang einmal im Monat einen Vortrag halten mit der einzigen Bedingung, dass es ganz am Ende ein Buch gibt. Das Buch ist eine Dokumentation dieser speziellen Form von Arbeit geworden.
Was kannst du, Diedrich, denn mit dem Titel der Goldies-Doku anfangen? Und was, Schorsch, bedeutet der Begriff "Eigenblutdoping" für dich?
DD: Eben auf dem Klo las ich einen Text der Künstlergruppe Claire Fontaine über eine andere Gruppe, die sich Etcetera nennt, wo sie den Teil dieses Namens, der "das Übrige" heißt, als Position rausgearbeitet haben. Wobei sie aber "cetera" nicht mit "das Übrige" übersetzen, sondern mit "das unbeachtete Andere".
SK: Wir sind nicht alle d'accord mit dem Titel. Der stammt vom Regisseur. Man läuft schnell Gefahr, dass man sich so als "besonders" bezeichnet. Klar, in unserem Kontext könnte das wieder eine gewisse Verdrehung meinen, die sogar mit Humor zu tun hat. Aber ich glaube, der Filmemacher hat das relativ glatt ernst gemeint - und passend zu unserer Widersprüchlichkeit.
Trailer: Übrig gebliebene ausgereifte Handlungen
Die ungelenke Formulierung ist keine Clownerie?
SK: Das Ungelenke ist wohl das, was daran als richtig empfunden wurde.
DD: Das wäre nur dann ein Problem, wenn der Titel erkennbar von euch käme. Ansonsten ist es eine geradezu mathematisch korrekte Beschreibung. Immer, wenn jemand irgendetwas 25 Jahre lang macht, ist er ein Übriggebliebener ... Und wenn ein Dokumentarist es als Titel drüber schreibt, dann kann man sowieso nichts dagegen sagen.
Ihr habt euch wohl viel Eigenblutdoping zugeführt, um übrig zu bleiben.
SK: Mit Diedrichs Titel kann ich extrem viel anfangen. Oder sagen wir mal so: Das beschäftigt mich ungeheuerlich als jemand, der veröffentlicht und den Sprit braucht. Da ist die Frage: Was ist der Sprit? Der Neurologe würde sagen: "Angst."
Existenzangst?
SK: Also, man spricht davon, dass Angst ein Superbenzin sein kann, auch für Künstler. Es bedeutet im Grunde, dass man nicht nur eine bestimmte Leistung abgeben muss, sondern sich selbst darzustellen hat. Das ist ein gesamtgesellschaftliches Phänomen. Irgendwann gab es mal den Hof, und der hatte Professionelle, die den Hof dargestellt haben. Der Rest war Bauer oder Volk und so. Jetzt muss das Volk auch noch den Hof mitspielen. Das Volk muss sich ja erst mal befeuern und die Narrengetränke alle mit einnehmen ...
DD: Mir fällt ein Zitronen-Plattencover ein - das zeigt eine Party bei dem Galeristen Bruno Brunett. Eine überkandidelte aufgekratzte Gesellschaft, wo Aufgekratztheit ein Wert an sich ist. Es ist klar: Wenn man aufhört, aufgekratzt zu sein, platzt die Blase. Man muss sich ständig befeuern. Aber entscheidend ist, dass man sich eben nicht mehr mit etwas befeuert, was einem Widerstand leistet, ein Objekt oder eine chemisch gewonnene Droge, die woanders gewonnen wird. Es muss aus sich selbst kommen, muss immer der eigene Enthusiasmus sein. Eine ganz wichtige Diagnose.
SK: Das ist natürlich die Hölle.
DD: Daher sagt man dann eben: "Curb your enthusiasm." In Amerika heißt es in den Parks: "Curb your dog", also: "Lein den Hund an". Den Enthusiasmus anzuleinen finde ich eine gute Vorstellung. Dass der Enthusiasmus so ein kleines Halsband drum hat ...
II. Loop - Bewegung - Standhaftigkeit
Ein Begriff, der in "Eigenblutdoping" definiert wird, ist der Loop. Verkürzt geht es um den Loop im Sinne des Bildungsromans, wo der Held, der auszog, ein anderer zu werden, letztendlich doch derselbe bleibt. Die Violent Femmes haben es mal so ausgedrückt: "We're just like our fathers / But we're even worse." Als Ausweg wird die Bewegung genannt ...
DD: Ich habe Bewegung versucht zu beschreiben als den Moment, in dem man sich dafür interessiert, aus den Augen von anderen zu gucken. Und zwar nicht aus moralischer Solidarität, sondern fast schon aus psychedelischer Neugier. Das meint nicht die Bewegungen, die soziologisch relevant wären, es können ganz kleine sein.
TG: Tatsache ist, dass wir uns als Teil der autonomen Bewegung fühlten. Die Hafenstraße. Nur waren wir mit den ästhetischen Eckpunkten nicht unbedingt einverstanden. Wir dachten, wir könnten von innen ästhetisch protestieren. Die originale Fun-Punk-Idee war gegen die Erstarrung in dieser Szene gerichtet, die im Verlauf der 80er im Hardcore oder im Politpunk festgesessen hat. Wir dachten, es ist ja eh klar, dass wir gegen Bullen sind, insofern braucht man das nicht mehr in die Songtexte zu packen. In der Punkbewegung waren wir Punk in Punk. Von da an, wo Fun-Punk eine Bewegung wurde, merkten wir, dass die Bewegung gar nicht unsere war.
Video: Die Goldenen Zitronen - "Flimmern"
Es gibt diesen Moment der Bewegung der Zitronen aus einem Kreislauf heraus öfter zu sehen. In den 90er-Jahren war Fun-Punk endgültig abgeschüttelt, die Band war "mäkeliger", wie Clara Drechsler es vor der Kamera ausdrückt. So ein Shift wird im Film meist personifiziert durch WeggefährtInnen, die sich verabschiedeten mit der Begründung: "Damit konnte ich nichts mehr anfangen."
TG: Das stimmt. Allerdings muss man den Loop-Begriff konkretisieren. Der ist bei Diedrich doppelt besetzt. Ich hatte mal ein Erlebnis mit den Hosen auf Tour, wo Campino zum ersten Mal in der Lage war, seinem Vater zu zeigen: "Ich bin wer!" Ein Konzert vor 2000 Leuten und er sagt: "Hey Leute, keine Sprüche, meine Alten kommen!" Die ganze Zeit ging es nur um Sprüche. Und an dem Tag, wo der Vater kam, sollte man sich zusammenreißen. Das ist der Moment, wo du genau Auge in Auge an einem entscheidenden Punkt in diesem Loop des Entwicklungsromans angekommen bist.
SK: Aber wenn man nach Bewegung fragt, wäre die Konstante interessant. Fühlt man sich einer Art von Bewegung zugehörig? Bei allem, was man so macht, überprüft man natürlich immer, an welcher Linie man sich so langhangelt. Das ist nicht leicht zu beantworten. Wer zählt sich wo und wann zu welcher Art von Bewegung?
TG: Das Interessante bei Punk war, dass gesagt wurde: "Wir sind gar keine Bewegung. Die Hippies waren eine Bewegung. Wir sind jeder eine Ein-Mann-ein-Frau-Bewegung." Das war so ein Dogma. Und Punk war eben keine politische Bewegung. Für uns in der Hafenstraße war das ein Paradox. Weil eine politische Bewegung auf bestimmte Grundvoraussetzungen und Werte angewiesen ist, auf Solidarität und Disziplin. Und in der Kultur ist man eher elitär, man will vorneweg sein. Man lässt die Leute nicht so locker rein in den eigenen Zirkel, es gibt abgrenzende Mechanismen, die man sich in der politischen Arbeit nicht leisten kann. Wenn man sich als Linker begreift und anfangen würde, nur mit den Leuten Politik zu machen, die ein gutes Outfit haben, kann man einpacken. Ich habe in der Zeit in der Hafenstraße gelernt, dass Politik etwas anderes ist als Kunst.
Ted und Schorsch, ihr seid die Übriggebliebensten der Zitronen. 1994 schrieb Diedrich in seinem großen Spex-Artikel über die Band, dass Standhaftigkeit sich nicht lohne ... In eurem Fall aber kann man sagen ...
SK: Standhaftigkeit ...
TG: ... lohnt sich schon.
DD: Man muss nur 50 Jahre dasselbe machen. Im Loop steckt eben auch die Möglichkeit, dass man alles um sich kreisen lässt - und nachher ist man doch ein anderer.
III. Kunst - Kritik - Selbstkritik
Die "Eigenblutdoping"-Essays behandeln Entwicklungen in der bildenden Kunst - mit Parallelen zur Popmusik. Dort steht: "Die Kritik der eigenen ökonomischen und medientechnischen Bedingungen steht nicht mehr im Mittelpunkt einer als progressiv sich gerierenden Kunst." Als Gegenbeispiel denke ich z. B. an "Das Lied der Stimmungshochhalter" der Goldenen Zitronen.
DD: An dieser Stelle ist konkret von bildender Kunst die Rede. Die Popmusik thematisiert immer nur auf einer inhaltlichen Ebene. Die medialen und institutionellen Rahmenbedingungen ihres Produzierens werden nicht in Zweifel gezogen oder direkt angegriffen - so wie die institutionskritische Kunst es gemacht hat. Wie ein Michael Asher, der die Museumsräume leer gelassen hat oder die Wand zur Toilette aufgesägt hat oder die Museumswände auseinandergestemmt hat ... Aufgabe der Popmusik wäre es, den spezifischen Affekten, die sie herstellt, behandelt und hin und her schiebt, den Boden unter den Füßen wegzuziehen. Das funktioniert bei Leuten, die besonders schwach sind. Dino Valente oder Nick Drake fallen mir ein ...
SK: Wir haben natürlich über das Aushebeln bestimmter Affekte nachgedacht. Aber wenn wir das ernst nehmen wollen, was du da gerade beschreibst, dann müssten wir noch einige Schritte weiter gehen. Mir fehlt beim Popmusikmachen schon so was wie die besagte Schwäche, eine andere Form der Freiheit, neue Umdeutungen. Es geht nicht darum, zu sagen: "Okay, ich hab da jetzt das Lied namens 'Popmusic' und sing da jetzt mal einen neuen Text drauf." So was versteht man ja auch gleich wieder als künstlerische Idee.
Auf kaum einer Platte außer auf "Lenin" wurde das prekäre Künstlerleben mit der Prekarität von z. B. MigrantInnen ins Verhältnis gesetzt. Ein Blick aus den Augen anderer. Müsste es von diesem Punkt aus weitergehen?
TG: "Lenin" ist allgemein ganz gut aufgenommen worden. Da kann man sich schon mal fragen, woran das liegt. Ob etwas behandelt wird, was ansonsten zu kurz kommt. Aber wenn du "Das Lied der Stimmungshochhalter" ansprichst: Das Stück bleibt ein Protestsong und transportiert die Artikulation eines Nicht-Einverstanden-Seins und die Unzufriedenheit auch mit der eigenen Rolle. Die eigentliche Produktionsform wird dadurch natürlich nicht aufgehoben, auch wenn wir in Zukunft vielleicht unsere jeweils unterschiedlichen Erfahrungen, die wir etwa in der Theaterarbeit u. a. mit Kollektiven machen, in so einen Prozess einbringen können.
Übrig gebliebene ausgereifte Haltungen
D 2008
R: Peter Ott; D: Schorsch Kamerun, Ted Gaier, Clara Drechsler; 20.11.
Die Doppel-DVD "Material" ist via Buback erhältlich
Diedrich Diederichsen
Eigenblutdoping
Kiepenheuer & Witsch, 256 S., EUR 9,95
Text: Wolfgang Frömberg
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