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Ein Platz in der Mitte der Fußgängerzone einer größeren Kreisstadt, gesäumt von Einkaufspassagen, Banken und einem Hotel, an dessen Fenstern Menschen lehnen. Vor der Bühnen stehen erwartungsvoll 5000 Menschen, das Konzert ist ausverkauft. Ungewöhnliche Dimensionen für ein Leonard-Cohen-Konzert, denkt man sich, aber schön, so intim.
Der Beginn ist laut Eintrittskarte für 20 Uhr angekündigt. Einen Support-Act soll es nicht geben. Und wirklich: Schon kurz nach acht betreten sechs Musiker und drei Sängerinnen (darunter Cohens langjährige Ko-Autorin, Produzentin u. a. Sharon Robinson) die Bühne. Dann folgt, frenetisch empfangen vom Publikum, ein sichtlich gut gelaunter Leonard Cohen, ganz schlicht gekleidet in schwarze Hose, schwarze Weste, graues Hemd, und - ganz wichtig - er trägt einen schwarzen Hut. Irre, der Headliner beginnt bei Tageslicht ohne großartige Lightshow! Das kommt genauso schlicht rüber wie dessen Kleidung."Dance Me To The End Of Love" eröffnet das Set. Da ist sie, diese Stimme: so unverkennbar mit ihrem dunklen, weichen Timbre. Wenn irgendwer auf ein Festival namens "Stimmen" gehört, dann dieser große Singer/Songwriter. Der Draht zwischen Zuschauern und Künstler ist sofort da. Im Folgenden reiht sich Song an Song, nur wenige sind mir unbekannt, das letzte Album "Dear Heather" (2004) ist gar nicht vertreten, "Ten New Songs" von 2001 mit nur zwei Songs. Ein Greatest-Hits-Abend also. Das hätte ich so nicht erwartet, freue mich aber sichtlich, all diese früher so oft gehörten Songs zum ersten Mal live erleben zu dürfen.
Puristisch ist der ganze erste Block gehalten: Die Musik kommt ruhig rüber, bescheiden ist das Auftreten des fast 74-Jährigen (!), der viel jünger rüberkommt: Er post nicht mit weltumarmenden Gesten, nein, in der rechten Faust das Mikro, in der linken dessen Kabel trägt er seine Songs vor. Seinen Mitmusikern gewährt er viel Raum, stellt sie unzählige Male vor, wobei er immer höflich, nein, respektvoll seinen Hut zieht und ans Herz hält. Genau auf diese Weise kommuniziert er auch mit uns - das nimmt ein, irgendwo ganz tief.
Nach einer Pause folgt "Tower Of Song". War Cohen bisher eher in sich gekehrt, ja, spirituell rübergekommen, zeigen sich nun humoristische Akzente bei dem alten Mann: Seine Keyboard-Begleitung (bebrillt, das Alter!) landet zum Schluss in einer Endlosschleife ("I don't stop"), das Do-dam-dam seiner Sängerinnen entsprechend auch - aufgelöst wird die Chose, indem er seine eigene Spiritualität ad absurdum führt.
Der erste fette Höhepunkt, wo plötzlich voll aufgefahren wird, ist "Hallelujah": Das Publikum wird, euphorisch mitsingend, angestrahlt. Huch, es ist ja ganz unbemerkt dunkel geworden, schon zehn vor zehn! Klar, gleich wird das Ende des Konzertes eingeleitet ... Doch mitnichten! Es geht Hit um Hit weiter! Nach "Take This Waltz" verabschiedet sich dieser unvergleichliche Entertainer alter amerikanischer Schule, um doch tatsächlich mit "So Long, Marianne" zurückzukehren. Und ich dachte, das würde sich durch "Suzanne" (irgendwann vorher) verbieten. Würde es wohl auch bei jemand anderem. Hier wird immer öfter am Grat zum Kitsch agiert - und jedes Mal löst es sich auf in ... ja, wunderbare Momente. Apropos: "If It Be Your Will" fängt ganz groß an - Cohen rezitiert wie schon einige Male zuvor die ersten Zeilen, hier wird er fühlbar: der große Poet, der eigentlich gar nicht Songwriter werden wollte -, um dann ins Unermessliche zu wachsen: Die Schwestern Charley und Hattie Webb covern Cohen, während dieser ehrfürchtig (den Hut in der Hand, versteht sich) danebensteht. Ihr Gesang erobert himmlische Dimensionen, intimer kann die Atmosphäre nicht mehr werden!
Doch, nein, na ja, fast: Da bedankt sich dieser höfliche alte Mann doch tatsächlich nach einem dreistündigen Konzert bei uns, dem Publikum, seine Musik spielen, dieses Projekt (seine Welttournee) durchführen zu dürfen. Dann: "Thank you, friends, for this memorable evening. We won't forget!" Danke, Herr Cohen, das kann ich nur zurückgeben. Es war ein Ereignis!
PS: Es folgen weitere Deutschland-Konzerte im Oktober, unbedingt hingehen!
Text: Kristina Engel
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