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Mon, 18.08.2008

Jochen Bonz

Subjekte des Tracks


Jochen Bonz tanzt gern und legt französische Psychoanalyse auf. Er schickt Begehren, Spiegelstadium und das Reale auf die Tanzfläche. Intro-Chef-Hedonist Sebastian Ingenhoff schreibt mit.

Jochen Bonz widmet sich mit Hilfe des französischen Psychoanalytikers und (Post-) Strukturalisten Jacques Lacan einer Kulturgeschichte des Tracks. Clubkultur mit Lacan gedacht ist tatsächlich ein eher neuer Hut. Ging es doch lange Zeit vielen darum, Techno mit den Worten des großen Lacan'schen Antipoden Gilles Deleuze zu erklären. Eines der wichtigsten Genrelabels überhaupt, Mille Plateaux, wurde von Gründer Achim Szepanski gar nach dem Hauptwerk des Franzosen benannt.Wir erinnern uns: Deterritorialisierung und organloser Körper statt festes Subjekt und Melodien. Die Abschaffung der hierarchischen Topografie der Bühne. Der Klang als reine Möglichkeit. All das wurde auf zahlreichen umnebelten Afterhours bis zur Erschöpfung durchdekliniert. "Das Ethos der Ecstasy-Kultur: egalitäre Einheit und Verbindung, die Vorstellung, das eigene Ego im hypnotischen Fluss der Musik abzustoßen und mit der Masse zu verschmelzen." So unverblümt deleuzianisch hatte Postpunk-Chronist Simon Reynolds noch das bunte Rave-Getümmel resümiert. Bonz hingegen schickt Begehren, Spiegelstadium und das Reale auf die Tanzfläche.

Die Lacan'schen Begriffe werden relativ frei übernommen und im clubkulturellen Kontext neu aufgestellt. Das Subjekt tritt nach Bonz in jenen ekstatischen Nächten nämlich nicht den deleuzianischen Verschwindibus an, sondern erlebt die pure jouissance. Ein Begriff, der sich am ehesten mit "Genießen" übersetzen lässt. Die jouissance als die unmittelbare Befriedigung, die "Wol-lust", der Bereich, in dem sich das Subjekt der symbolischen Ordnung entzieht und dem Bereich des Realen annähert wie sonst nur im Traum, der Sexualität oder dem Tod.

Doch der Kontakt mit dem Realen, das sich im Lacan'schen Sinne erst an den Grenzen der gewöhnlichen Realität manifestiert, kann immer nur flüchtig sein, dauerhaft führt(e) er eben zum Exitus. Utopie und Dystopie tanzen also stets in inniger Umarmung. Jochen Bonz, der vielen als Herausgeber und Autor verschiedener (Pop-) Kulturtheoriewerke ein Begriff sein dürfte, hat diese Arbeit auch als Dissertation eingereicht. Trotz seiner wissenschaftlichen Mission bleibt Bonz immer darauf bedacht, aus der Warte des begeisterten Tänzers und Fans zu schreiben. Als Bonus gibt es zwei gemütlich-verkiffte Interviews mit Hans Nieswandt sowie einen Hausbesuch bei der Heidelberger Technoinstanz Move D.

Jochen Bonz "Subjekte des Tracks" (Kulturverlag Kadmos, 166 S., Euro 15)


Text: Sebastian Ingenhoff

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