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Schnoddriger Charme, Verweigerung und dazwischen große Lieder: Mit einer kauzigen Karaokedarbietung hat der Sänger von Mutter die ideale Form für seine Solo-Konzerte gefunden. Ein schöner Abend.
11.07.08, Berlin, Sternfoyer Volksbühne
"So kann ich nicht arbeiten." Der Satz fällt erst gegen Ende des Konzerts, als der Mann vorne auf dem Barhocker kurzzeitig an den Umständen verzweifelt. Irgendwie eine seltsame Bemerkung, so aus dem Munde von Max Müller gehört, doch zugleich ein ungemein erhellender Kommentar auf diesen Abend in der Volksbühne, an dem der Mutter-Sänger anlässlich der Veröffentlichung seines neuen Soloalbums "Die Nostalgie ist auch nicht mehr das was sie früher mal war" sein erstes Berlin-Konzert seit Jahren gibt."So kann ich nicht arbeiten." Der Satz reflektiert einerseits Müllers Position: Konzert gleich Arbeit gleich Entfremdung. Seine Darbietung lässt keinen Zweifel daran, dass es für einen Musiker eine durchaus seltsame, ja fragwürdige Situation sein kann, sich in einem Konzertsetting vorführen und beweisen zu müssen. Und andererseits erzählt der Satz auch von Müllers großen Themen: von Kulturarbeit in einer seltsamen, wie er selbst sagt einer "bleiernen" Zeit; von Verweigerung, nicht zuletzt auch sich selbst gegenüber; von der Unlust an den gegebenen Zuständen. Aber zugleich auch von Ironie und von jener großen Nonchalance, mit der Max Müller sich quasi entwaffnet vor das Publikum stellt. Pardon: setzt.
Ein Stiegenaufgang am Rand des Sternfoyers der Volksbühne bildet die Bühne. In seltsamer Verkrümmung sitzt Max Müller dort auf einem Barhocker und zappelt mit den Beinen. Vor ihm steht ein großer Notenständer voller Zettel, von denen er seine Texte liest, daneben ein Tischchen mit CD-Player, in dem eine selbstgebrannte Scheibe rotiert und nicht so will, wie sie soll. Auf den Stuhlreihen im Foyer hat ein nicht gerade junges Publikum Platz genommen, sicher einige Nostalgiker darunter, manche Verweigerer, viele wohl eher Theater- als Konzert erfahren. Die Regeln von Müllers Antiperformance sind trotzdem schnell kapiert. Bei einem Konzert eines Liedermachers müssen nun mal Lieder vorgespielt werden. Die folgen einander in einer Art Karaoke-Show, stets nach derselben Zeremonie: Lied vorbei, CD-Player aus, gepflegter Applaus im Publikum an, Papiere auf dem Notenständer umschichten, Haare ordentlich verwuscheln. Dann CD-Player wieder an.
Müller nölt und sprechsingt zu seiner total verrauschten Lo-Fi-Computermusik. Freut sich selbst über schummrige Balladen und ein altes Meisterwerk wie "Wir steh'n hier jeden Tag". Dann wieder will er es richtig laut und krachig haben, fast so wie Velvet Underground als Einmannband. Im Sternfoyer halten sich manche verschreckt die Ohren zu, ein anderer wagt einen Zwischenruf: "Rock'n'Roll!" Damit habe das nun aber gar nichts zu tun, antwortet Müller von seinem Barhocker, wühlt sich durch die Papiere, wuschelt sich durch die Haare, drückt wieder auf Play. Und dann macht die CD einfach das, was sie selbst will.
So kann Müller eigentlich nicht arbeiten. Aber er macht es trotzdem. Seine herausragenden Songs und sein Konzert werden gerade durch diesen Nervfaktor perfekt. Explizit vorgeführtes Playback von einer CD, die noch dazu kaputt ist! Gelegentliches Murren und Stöhnen ist zu hören ob dieser geradezu aufreizend unprofessionellen Darbietung. Aber genialer Dilettantismus rulet okay. Die Welt ist eben nicht heil, natürlich auch in diesem behüteten Rahmen eines Kulturtempels anlässlich einer kleinen Musikstunde vor mehr oder minder Eingeweihten nicht: Schon wieder springt die CD. Müller holt sie raus, streift sie am Oberhemd und an seiner weißen Hose ab und fängt noch mal von vorne an.
Text: Arno Raffeiner
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