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Thu, 29.05.2008

The Ting Tings

Pop als Notwehr


Kein Ausblick auf die größten Pop-Hoffnungen für 2008 kam ohne The Ting Tings und ihren Lo-Fi-Pop aus. Katie White und ihr Band-Partner Jules De Martino treffen sich irgendwo zwischen Kunsthochschule, Einkaufszentrum und Jugendhaus. Peter Flore sprach mit ihnen in Manchester und Berlin.

Jules De Martino hat gerade eine Mail bekommen und hantiert mit seinem BlackBerry herum. Seine Band-Partnerin Katie White betritt den sonnigen Berliner Balkon und klärt nach kurzem Austausch mit ihm über das beidseitige Kopfschütteln auf: "The Courteneers, eine junge Band aus Manchester, wollen, dass wir in ihrem neuen Video mitspielen. Dabei kennen wir sie nicht mal persönlich. That's weird." Eine Situation, die verdeutlicht, wie es um das Manchester-Lo-Fi-Pop-Duo The Ting Tings derzeit bestellt ist: Alle wollen etwas von ihnen.All die Magazine, die sie schon zur Jahreswende als tollsten neuen Pop-Act 2008 feierten, und zu guter Letzt auch jener Computer-Gigant, der diese tragbaren weißen MP3-Player herstellt: Ein Track ihres Debütalbums ziert die neueste TV-Werbung, passenderweise heißt er 'Shut Up And Let Me Go'.

De Martino, Drummer, Produzent und die männliche Hälfte des Duos, rückt seine Sonnenbrille zurecht, die er offensichtlich niemals absetzt: "Aber natürlich wollen wir uns nicht beschweren. Es ist toll, diese Aufmerksamkeit zu bekommen." Die ganzen Vorschusslorbeeren habe man bisher gar nicht so wahrgenommen: "Um ehrlich zu sein: Wir haben die Magazine nicht gelesen. Als es losging, haben wir getourt und in einem Bus gesessen. Einem kalten Bus."

Es scheint so, als habe sich die ganze Arbeit gelohnt: Das Debütalbum 'We Started Nothing' ist ein herrlich unbekümmert wirkendes Stück Pop, spärlich instrumentiert (neben De Martino bedient Sängerin White auch noch Gitarre und Keyboard) und letztlich so simpel und zugänglich strukturiert, dass man meint, das wacklige Gerüst müsse unter dem Refrain zusammenbrechen.

Der Albumtitel scheint indes aus Notwehr gegenüber einer schon im Vorfeld über den Kopf wachsenden Erwartungshaltung geboren zu sein. "Es war gegen Ende der Produktion, als wir das erste Mal mit der Presse und der wohlmeinenden Kritik der Journalisten konfrontiert wurden. Zuvor hatten wir ja nur mit uns selbst gesprochen , jetzt sprachen wir mit Menschen, die uns offensichtlich für das next big thing hielten. Ich glaube, 'We Started Nothing' war eine unterbewusste Reaktion auf den ganzen beginnenden Buzz um uns herum. Wir machen nichts Neues! Alles, was wir machen, hat es schon vorher einmal gegeben. Wir machen die Musik immer noch für uns selbst und tragen keine neue Idee in die Welt. We are not a scene. This is about us."

In der Tat: Das Album haben die beiden komplett selbst produziert, in einem Probe-und-Werkraum-Komplex für ortsansässige Künstler in ihrer Heimatstadt Salford, einem Vorort von Manchester, in einer von außen unscheinbaren stillgelegten Mühle, Islington Mill - genannt "The Mill". Hier entstanden nicht nur Band und Debütalbum, hier bastelten die zwei auch die Cover und Sleeves für ihre ersten Vinylsingles, entwarfen Poster, T-Shirts, sponnen Ideen um ihr kleines gemeinsames Baby. Jules De Martino kommt von der Kunsthochschule, Katie White ist ein typisch britisches It-Girl, mit aufwendigem Make-up und einer Liebe für Glamour und Plastik-Pop: The Smiths, die großen Söhne der Stadt, kannte sie nicht, als sie das erste Mal The Mill betrat, sie mochte stattdessen die Spice Girls. So unterschiedlich die Charaktere, so zwangsläufig klingen The Ting Tings: "Art school meets shopping mall", lautet einer von vielen gleichlautenden Claims der britischen Hype-Presse.

'That's Not My Name', bellte indes die erste Single, eine Riot-Grrrl-mäßige Abrechnung mit den Rollenklischees, mit denen sich Katie White anfangs konfrontiert sah. Die B-Seite: eine wahllose Aneinanderreihung von Namen, eingesandt von Fans, die sich so auf der Single verewigen konnten. Pop 2.0, the Ting Tings way. "Wir lieben es einfach, derlei Dinge zu machen", sprudelt es aus White heraus. "Es vergeht kein Tag, wo wir nicht irgendwelche Aktionen planen. Dieses DIY-Ding und die Interaktion mit dem Publikum sind uns unheimlich wichtig."





Die Nachfolge-Single 'Fruit Machine' gab es in limitierter Form nur auf einer Reihe von Gigs in Manchester, London, Berlin und New York: Ursprünglich als White Labels in Umlauf gebracht, konnten die Zuschauer auf den Gigs die Cover selbst gestalten. Buntstifte und Farben lagen aus, die individuellen Cover wurden dann auf dem jeweiligen Folgegig unter die Leute gebracht. Das soll auch trotz Major-Deal so bleiben, selbst wenn 'We Started Nothing' Millionen verkauft.

Nein, beschweren würden sie sich nicht über ein Maximum an Erfolg. Sie fühlen sich wohl in der Rolle der extrovertierten Pop-Band, sie wollen Pop sein und im Zentrum des Interesses stehen. Nur eben auf ihre Art: "Kunst ist für uns kein Job, Kunst ist ein Hobby. Das Tolle an Kunst ist ja, dass sie aus dem Nichts, oftmals aus schierer Not oder einem inneren Drang geboren wird. Wir hatten damals kein Geld, haben bei den Gigs in The Mill an der Bar gestanden und Getränke verkauft, um das Equipment zahlen zu können. Kreativität braucht wohl eine gewisse Notsituation und den unmittelbaren Drang, etwas für dich tun zu 'müssen'. Wir können nicht anders! Wir tun es, weil wir es tun wollen, und nicht, um damit Geld zu verdienen." Sagt der Kunststudent De Martino. Und Katie White nickt.

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Text: Peter Flore

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