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Fri, 22.02.2008

Männermode Herbst/Winter 2008/2009

Ausschau halten


Raf Simons ist der Visionär der Männermode, das Modehaus des Belgiers Martin Margiela in der vergangenen Herbst/Winter-Saison ihr Geburtstagskind. Lanvin beweist einmal mehr, dass Tradition und Moderne gern miteinander flirten. Ann Demeulemeester, dass sie ihr Handwerk immer noch bestens beherrscht.Für Rykiel Homme, die Männerlinie des Pariser Urgesteins Sonia Rykiel, gilt: Weniger wird mehr sein im kommenden Herbst. Und Rei Kawakubo zaubert für ihr Modelabel Comme des Garçons Homme Plus die schönsten Kunststücke. Andreas Peter Krings besuchte Ende Januar die Pariser Fashion Week.

Die Präsentationen der Männermode für den kommenden Herbst/Winter hätten farbenfroher nicht sein können, und das ausgerechnet für die dunkle Jahreszeit. Da zeigte die sonst so melancholisch-düster verträumte Ann Demeulemeester bunte Blumenprints auf ihren Jacketts und Hosen, und die Meisterin der Dekonstruktion, Rei Kawakubo, für Comme des Garçons leuchtend rote Schotten-Kilts zu bunten Streifenhemden.

Der Sound von Ella Fitzgerald beschallte die morbide Halle des barocken Varieté-Theaters, an dessen Wänden auffallend grelle Videos mit Szenen aus Pariser Nachtclubs zu sehen waren. Die Japanerin Kawakubo präsentierte mit ihren Kreationen einen bunten Stilmix verschiedener modischer Epochen und nannte dies, angesprochen auf das Motto ihrer aktuellen Kollektion, "time for magic". Hier waren in der Tat Zauberkräfte am Werk, so verwandelte sie den traditionellen schottischen Kilt kurzum in Shorts, und ihren Jacketts verlieh die Designerin durch Bruchstücke roter Karos auf der sonst so grauen, nüchternen Oberfläche einen Punk-Appeal. Inspiriert vom britischen Künstler Jamie Reid, der schon früh mit seinen Plattenhüllen für die Sex Pistols auf sich aufmerksam gemacht hatte, erklärte die Designerin den Punk-Look als Leitmotiv für den kommenden Winter.

Ganz anders Nathalie Rykiel, die nun, stellvertretend für ihre Mutter Sonia, die Kreativdirektion der Männerlinie Rykiel Homme übernommen hat. Sie kombinierte blaue Samthosen mit grauen Tweedmänteln und hellbeige Woll-Cardigans mit roten Kaschmir-Sweatern. Farbe aber wird bei Rykiel sparsam eingesetzt. Auch wenn man ab und zu Wollhosen mit bunten Karos zu Gesicht bekam und hier und da ein Leoparden-Print ins Auge sprang.

Ob Martin Margiela seinen eigenen Geburtstag je feiert, das wird wohl ein Rätsel bleiben. Zu scheu ist der belgische Designer, dass er fast seit einem Jahrzehnt die Öffentlichkeit und vor allem Interviews aufs Schärfste meidet. Seine Modelinie aber feierte während der Modewoche ihren zwanzigsten Geburtstag, zur Not auch ohne ihren Kreativchef. Der zog es vor, seine Gratulationen nicht persönlich entgegenzunehmen und für die nächste Saison seine Schneiderkunst gegen Symbole einzutauschen. Keine Spur von den üblichen perfekt sitzenden Jacketts mit ihren aufwendigen Details zu den allseits beliebten Bundfaltenhosen. Stattdessen zu viele Totenköpfe auf Schuhen und Hosen. Und immer und überall zu sehen: ein überdimensional großer roter Buchstabe, das "M", vorzugsweise in Gaffer-Tape-Optik. Die Accessoires für den kommenden Winter wurden bei den Silhouetten durch Schmuck neu ergänzt. Dieser sah aus, als wäre er mehrmals mit einem Lastwagen kollidiert, und in Kombination mit den mit Wachs besprühten Taschen entstand vollends der Eindruck, dass die Apokalypse über das Haus Martin Margiela hereingebrochen ist. Verwirrend.

Viel klarer alles bei Ann Demeulemeester. Die Belgierin sagte Backstage, sie habe sich im letzten Sommer viel mit den Blumen in ihrem Antwerpener Garten beschäftigt, und es sah tatsächlich so aus, als wären diese Blumen direkt von der Wiese gepflückt auf die Hüte und Hosen der Models genäht worden. Und auch Blumenprints auf Mänteln und Hemden in Rot, Violett und Lila. Was für ein leuchtender Richtungswechsel! Vertraut dagegen die schwarzen Samthosen dazu. Ansonsten zeigte die Belgierin ihre allseits beliebten dunklen Silhouetten wie geschrumpfte Hosen zu überlangen Jacketts aus beschichteter Baumwolle.

Und auch hier wirklich passend der Musikmix - das musikalische Thema ihrer Show (vielleicht in Anlehnung an den neuen Haynes-Film "I'm Not There") waren unterschiedliche Versionen des Bob-Dylan-Klassikers "Knockin' On Heaven's Door": erst in der Originalversion, dann von Antony And The Johnsons und zuletzt von Patti Smith (was wäre eine Demeulemeester-Show ohne Patti Smith?) interpretiert -, immerhin meistert auch Demeulemeesters Mode den Spagat zwischen Melancholie und Freude.

Für das Highlight der Woche aber sorgte Raf Simons. Warum ist der Belgier eigentlich immer allen eine Nasenlänge voraus? Weil er immer wieder überrascht. Nicht nur gelang es ihm, bei der Wahl seiner Show-Location mal wieder alle zu übertreffen, auch sonst gibt es derzeit niemanden, der so innovativ designt. In der größten Halle des Palais Dorée zeigte Simons, untermalt durch den grandiosen Ausblick auf die weitläufigen Parkanlagen, seine Vision für den nächsten Winter. Und man will es kaum glauben: Er schaffte es mit dem Ökostoff Jute, den Oberkörper so zu modellieren, dass es unglaublich gut aussah. Die Härte und Unbiegsamkeit des Materials nutzte er, um der Strenge seiner Silhouetten noch mehr Ausdruckskraft zu verleihen.

Unter den Jacketts sah man an Händen und Hals Bandagen aus Wolle, kombiniert mit körpernahen Hosen zu grobem Schuhwerk mit dicker Sohle. Gerade so, als sollten die Models geerdet werden - der Designer beschäftigte sich diesmal nämlich mit der Metamorphose vom Jungen zum Mann. Diese Idee einer "rites des passages" (Begriff aus der Ethnologie, der den Übergang von einer Lebensphase in die nächste beschreibt) fand mithilfe von Michel Gaubert, der grauen Eminenz des Sounddesigns der Pariser Prêt-à-porter, auch ihre überaus passende musikalische Interpretation: mit dem Two-Step-Hit "Archangel" von Burial.

Ein weiterer Liebling aller Modekritiker ist Lucas Ossendrijver, weil er das angestaubte Image der Männerlinie von Lanvin aufpoliert hat. Zunächst noch unter der Federführung von Alber Elbaz, der für die Damenkollektionen des Hauses frenetisch gefeiert wird, entwirft der Niederländer nun allein und hat es sich zur Aufgabe gemacht, den klassischen Dandy-Look zu reformieren. Er schaffte es, seine Models wie aristokratische Internatszöglinge aussehen zu lassen, ohne sie dabei zu überstylen. Denn die Outfits hatten allesamt etwas angenehm Nachlässiges. Die Hemden und Cardigans, meist aus feinster Seide und Kaschmir, sahen so ausgewaschen und verblichen aus, als wäre die Kleidung beim Baden an der französischen Riviera schlichtweg am Strand vergessen worden. Die Mäntel und Jacketts gerade so, als müsste man noch in sie hineinwachsen, wenn auch nur ein bisschen.

Und wenn die Bundfaltenhosen bei Lanvin auch im nächsten Winter nur bis zu den Knöcheln reichen, ist das keineswegs ein ungewollter Zufall. Denn das Spiel mit der Zerstreutheit macht hier den Charme der Mode aus und erklärt auch ihren kommerziellen Erfolg. Sie nimmt sich nicht so wichtig, mehr noch: sie kann auch über sich selbst lachen.


Text: Andreas Peter Krings

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