Ein Artikel von:

Mon, 20.11.2006

Jeans Team

Verwischte Erinnerungen


Bei historischen Ereignissen wie dem Mauerfall oder der russischen Revolution irren sich die meisten Zeitzeugen im Nachhinein. Viele bilden sich sogar ein, dabei gewesen zu sein. Wenn nämlich ein historisches Ereignis schon so oft zitiert und besprochen wurde, kann der Zeitzeuge nach ein paar Jahren nicht mehr unterscheiden, ob er wirklich vor Ort war oder nur sehr viel davon gehört hat. So ähnlich verhält es sich mit dem wahrhaft legendären ersten Auftritt des Jeans Teams 1996 in der Berliner galerie berlintokio, einem Auftritt, den sogar das Jeans Team selbst in verschiedenen Fassungen erlebt hat.

Tatsache ist, dass Franz Schütte und Reymo Herfort in einer selbst konstruierten Kugel auftraten und auf dem parallel dazu laufenden Video ihre eigene Begleitband darstellten. Die Zeitzeugen waren sofort begeistert, denn solch sympathisch-dilettantische Synthiepopper mit Kinderspielzeug hatte man vorher noch nicht gesehen.Henning Watkinson und Gunter Kreis kamen ein Jahr später dazu, und die Viererbande wurde Liebling, Hoffnung und Projektionsfläche des ganzen Galerieumfelds, ach was – von ganz Berlin! Vor allem die Musikjournalisten warteten ungeduldig auf das erste Jeans-Team-Album, hätte man damit doch eine neue Schule erfinden und begründen können, die “Berliner Schule” oder die “berlintokio-Schule”. Es braucht ja bekanntermaßen immer eine erfolgreiche Band, um aus einer diffusen Bewegung einen neuen Gattungsbegriff zu bilden. Aber diesen Erwartungen entsprach das Jeans Team nicht. Sie brauchten immer etwas länger, misstrauten dem Hype um die eigene Band, hinterfragten vieles und bestanden darauf, alles selbst zu machen. Sie hatten ja inzwischen ihr eigenes Label Nadel Eins gegründet und außerdem alle Zeit der Welt.

Nun, zehn Jahre später, erscheint das dritte Album “Kopf auf”, und das Team hat sich zum Trio verkleinert. Gunter Kreis, Schlagzeuger, aber hauptsächlich Multiinstrumentalist wie alle, hatte sich schon seit einiger Zeit mehr seinem erlernten Beruf, dem Filmschnitt, zugewendet und ist nun auf dem aktuellen Album gar nicht mehr vertreten.

Das Jeans Team war viel unterwegs in den letzten Jahren, mit Peaches in Skandinavien, mit dem Goethe-Institut in Russland, mit den Op:l Bastards in Finnland. Der M.J.-Lan-House-Remix von “Ich singe keine Melodien” wurde ein Clubhit und lief täglich im Musikfernsehen, die erste Single “Hi Fans!” wurde für einen Handy-Werbespot in Asien verwendet. Man könnte also denken, dass das Jeans Thema es geschafft hat und groß rausgekommen ist. Denn: Dass man von Musik nicht leben kann, wissen meistens nur die Musiker, und Berlin liegt zwar nicht am Meer, was vom Jeans Team auf seinem zweiten Album “Musik von oben” auch beklagt wurde, aber immerhin, so sehen es auch Franz, Reymo und Henning, ist das Nicht-von-der-Musik-leben-können hier einfacher als in anderen Städten.

Bis vor einiger Zeit wirkte das Jeans Team im sogenannten “Medienhaus” am Senefelder Platz, in der Nachbarschaft von Kissogram, Puppetmastaz, Commercial Breakup, Jack Tennis – alles Musikprojekte, die in der Galerie ihren Anfang genommen haben. Im Vorderhaus saß damals, neben Partyveranstaltern und Kleinstmusikverlagen, auch noch das Label Louisville. Ebenfalls hier untergebracht sind Scheinbüros, das heißt, es wird schon auch gearbeitet, telefoniert und organisiert, aber es wird sich auch sehr viel untereinander besucht, beieinander gesessen, Kaffee geholt, Kaffee getrunken, zum Kaffeetrinken rausgegangen. Manchmal scheint es so, als spiele man nur “Büro”, so, wie man vorher in der galerie berlintokio “Club” oder “Jugendzentrum für Erwachsene” gespielt hat.Anfang 2006 hat es das Jeans Team wegen Platzmangels raus aus dem Medienhaus rein in den Wedding verschlagen, in einen idyllischen Backstein-Hinterhof mit kleinen alten Werkstätten – eine leicht verlotterte Handwerker-Idylle aus einer anderen, vorindustriellen Zeit. Dort im Gartenhaus haben sie ihr Studio aufgebaut, das Album aufgenommen. Die neue Umgebung passt dabei sehr gut zu der neuen Platte. “Mein Zuhause ist die Welt” heißt es in der Single “Das Zelt”, und unter dem Oberbegriff Wanderschaft kann auch das ganze Album gehört werden.

Im Booklet sind die dynamischen drei wie abgerissene Wanderburschen um 1900 gekleidet, schließlich hat ja die “Kundenbewegung” das Jeans Team zu diesem Thema inspiriert. Bei der Kundenbewegung handelt es sich übrigens nicht um ein Gebiet der modernen Marktforschung, sondern um eine Art Vagabundenbewegung, die Gregor Gog 1927 mit seiner Zeitschrift Der Kunde begründet hat. Gog organisierte auch den ersten Vagabundenkongress und gehörte zu den in Süddeutschland relativ bekannten Anarchisten. Zu dieser Zeit, als die Unterschicht noch Lumpenproletariat genannt wurde, waren schätzungsweise 70.000 Menschen auf den Landstraßen in Deutschland unterwegs, die meisten auf der Suche nach Arbeit, einige auch aus Überzeugung, denn das Vagabundieren erfreute sich durch die Massenauflagen der Romane von Jack London und B. Traven großer Popularität. “Generalstreik ein Leben lang” lautete eine Parole der Kundenbewegung; die Single “Das Zelt” mit den akustischen Gitarren und live eingespielten Bläsern und dem fröhlichen Refrain “Kein Gott! Kein Staat! Keine Arbeit! Kein Geld!” fügt sich prima in die Thematik.

Auf “Kopf auf” kann die Wanderschaft auch durchs eigene Zimmer und den eigenen Kopf gehen. Neben all der neuen Natürlichkeit hat aber auch die Elektronik noch genügend Platz auf dem Album, und man ist dem eigenen Sound zwischen Trio, Minimal-Punk, DAF, Sprechgesang und warmen Housebeats treu geblieben. Die mehrfach übereinandergelegten Sprechgesänge zitieren dabei NDW-Refrains und hören sich manchmal wie Märchenchöre und Therapiekassetten an. “Silizium” ist eine Kraftwerk-Hommage, die aber so plump-ironisch-verspielt daherkommt, als würden Kinder Roboterstimmen imitieren und mit steifen Gliedmaßen und ausgestreckten Armen durchs Kinderzimmer marschieren. Seltsam, dass man beim Jeans Team bei aller Ernsthaftigkeit und Präzision immer wieder aufs Kinderzimmer zurückkommt, vielleicht, weil das Jeans Team zu einer Musikergeneration gehört, bei der erstmals Computerwelten und Kindheit zusammentrafen. Ihre ersten Konzerte hatten die Energie eines durchgedrehten Kindergeburtstages – als ob die Eltern einen schweren Fehler begangen und den Kindern Keyboards und Plastikelektronik geschenkt hätten.

Diese Kindlichkeit haben sie behalten, selbst wenn sie nun auch mal zur unschönen Jungspubertät mit der Freude an Fäkalienwitzeleien gereift ist: so zum Beispiel beim Discofunk-Heuler “T.Y.T.T.S.”, in dem es um körperliche Probleme geht, von denen man eigentlich gar nichts hören will. Doch das Jeans Team ist souverän genug, um sich auch zu Albernheiten zu bekennen. Wie sagt doch Franz Schütte: “Diesen ganzen Unsinn, den man sich so einfallen lässt, den muss man doch irgendwann mal verwirklichen, man kann doch nicht immer sagen: Jetzt mal im Ernst.”

Genau so ist es.

Text: Christiane Rösinger

» Drucken