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Noch keine vier Jahre währt die Solokarriere Joanna Newsoms, aber bereits auf ihrem zweiten, Anfang November erscheinenden Album “Ys” arbeitet die Sängerin und Harfenistin aus Nordkalifornien an einer Geschlossenheit und Komplexität, zu der andere Songwriter erst am Ende ihrer Karriere vorstoßen. Sie hat sich mit Van Dyke Parks und Jim O’Rourke, den Großmeistern des Edelpop, zusammengetan und geht in ihren episch ausladenden Songs zielsicher den Weg zu immer erhabeneren Formen. Intro unterhielt sich mit ihr über die Kunst, die aus Arbeit Spiel macht.
Seit Ende der 40er-Jahre litt Woody Guthrie, der amerikanische Bertolt Brecht und vielleicht der bedeutendste Songwriter des 20. Jahrhunderts, an Huntington Disease, auf Deutsch: Veitstanz. Die Krankheit führt zum Tode, sie setzt ein mit allmählichem Kontrollverlust über die Muskulatur. Guthrie, der 1967 der Krankheit erlag, konnte bis 1954 als Musiker arbeiten. Um trotz der Beeinträchtigungen singen zu können, entwickelte er eine spezielle Technik: Er presste die Songzeilen aus sich heraus, er beanspruchte andere, noch unter seiner Kontrolle stehende Muskelpartien, um artikulieren zu können.Bob Dylan hatte in den 60er-Jahren Kontakt zu seinem großen Vorbild. Er kopierte Guthries späten Gesangsstil: Der näselnde, gepresste und gequetschte, die Wörter verschleifende Stil, den man unweigerlich mit Dylan identifiziert, ist tatsächlich eine Adaption. Dylans Statement: Wir brauchen keine schönen Stimmen, keinen perfekten Gesang, jeder kann singen, solange er sich Rechenschaft über die Anstrengung (den Schmerz) ablegt.
Es gibt Leute, die, wenn sie Dylan reden hören, überrascht sind über die Normalität seiner Alltagsstimme; und wenn man Joanna Newsom beim Interview einfach nur zuhört, fragt man sich: SIE hat diese Stimme? SIE singt diese Songs? Mein Gott, sie spricht ja wie jede andere.
Denkt man nicht in Schubladen, antwortet man also, fällt der Name Joanna Newsom, nicht automatisch mit “New Folk”, “Psychedelic Folk”, “New Weird America” (so wird sie auf Wikipedia kategorisiert), dann ist es zuerst die Stimme, die fasziniert und befremdet, auch abstößt. Sie ist direkter als die Stimmen von CocoRosie, am ehesten erinnert sie an Björk. Sie ist gestochen scharf, und wenn Newsom undeutlich artikuliert, dann WILL sie in diesem Moment undeutlich artikulieren. Sie kaut auf den Silben wie auf Kautabak. Aber es ist keine hasserfüllte Punkgeste, sondern – siehe Dylan – es macht die Anstrengung klar. Die Anstrengung, jeder Silbe, jedem Wort, jedem Vers Bedeutung abzuringen. Es geht nicht um eine Rolle, die Newsom einnimmt, wenn sie singt, es ist ein Ausdruck ihrer Souveränität, das musikalische Material so zurechtzubiegen, dass es ihren Ansprüchen genügt.“Ys” ist das zweite abendfüllende Album der 24-jährigen Sängerin und Harfenistin. Sie hat die hypergenaue Detailarbeit, mit der sie an ihrer Stimme feilt und mit der sie die Harfe poptauglich gemacht hat, auf das ganze Album angewandt. “Ys” dauert 55 Minuten und beinhaltet nur fünf Songs, und jeder Moment in jedem Song ist inszeniert, in Ordnung gebracht, ist poliert und bis auf den letzten Atemzug durchdacht. “Das Album ist eigentlich zwei Mal beendet worden”, erzählt sie. “Ich habe alle Songs im Studio von Steve Albini fertig eingespielt. Hinterher hatte ich das Bedürfnis, die Songs aufwendiger zu orchestrieren, sie dadurch komplexer, anspielungsreicher zu machen. Ein Freund gab mir die Aufnahme ‘Song Cycle’ von Van Dyke Parks, ich war überwältigt. Das war der Zeitpunkt, von dem an ich mit ihm zusammenarbeiten wollte. Hätte ich damals gewusst, wen er alles schon produziert hat, ich hätte mich nie getraut, ihn überhaupt anzusprechen.”
In der Tat: Als Produzent, Arrangeur, Ko-Komponist und Studiomusiker hat der mittlerweile 65-Jährige mit den Beach Boys zusammengearbeitet (er produzierte die “Smile”-Sessions), mit Tim Buckley, Ry Cooder, Judy Collins, Bruce Springsteen, Ringo Starr. In seinem Solowerk hat er Pop zu kammermusikalischen, klassizistischen Weihen verholfen. Zusammen mit Newsom schrieb er die Orchesterparts, arrangierte sie und dirigierte. “Ein harter, sehr konzentrierter Prozess”, meint Newsom. “Wir haben uns ständig mit unseren Einfällen und Ideen konfrontiert, wir haben das so lange durchgezogen, bis wir absolut zufrieden waren.” Die abschließende Arbeit übernahm in New York Parks’ gelehrigster Schüler: Jim O’Rourke. “O’Rourke hat das Album gemischt, er musste 32 Orchesterspuren aufeinander abstimmen – und dann darauf achten, dass sie zu den Tracks, die ich mit Albini aufgenommen hatte, exakt passen. Wir haben neun Tage daran gearbeitet, ich bin ab und zu ins Hotel gegangen, habe geschlafen, gegessen. Aber O’Rourke – ich glaube, er war die ganze Zeit im Studio.”
Das Album ist raffiniert gearbeitet: Es dominiert Newsoms Performance, sie hat das Spiel im Griff. Das Orchester kommentiert, greift ein, springt dazwischen, zieht sich zurück, umtänzelt die Songs, schmeichelt der Stimme und dem Spiel der Harfe (das Newsom afrikanisch verstanden wissen will – ihre zentrale Inspiration ist nicht die traditionelle europäische Musik für Harfe, sondern westafrikanische Kora-Musik). Die Kunst des Arrangeurs und des Mixers bestand vor allem darin, das Orchester zu keinem Moment wie Beiwerk, Ornament und Ausschmückung klingen zu lassen. Das Ergebnis: Das Album wirkt nie überfrachtet, auch nicht komplex, es ist absolut klar.
“Der Ausgangspunkt sind einfache, nahe liegende, mich unmittelbar betreffende Erlebnisse. Ich entwickle zu diesen Ereignissen eine Melodie, ich baue sie aus, übersetze die sehr persönlichen Eindrücke Schritt für Schritt in Verse, füge dann alles zusammen, indem ich mit der Melodie und den Textfragmenten improvisiere”, beschreibt Newsom ihre Arbeitsweise. Dass “Ys” dermaßen majestätisch klingt, ist die letzte, wenn man so will: brutale Konsequenz dieser Arbeit, die Gefühle in abstraktere Formen (Songs) transformiert. Ein Egotrip? Vielleicht, aber würden sich so erfahrene Produzenten wie O’Rourke und Van Dyke Parks auf die schlichte Unterstützung dieser Selbstüberhöhung einlassen? Das für sie Reizvolle ist wohl eher, diesen Kraftakt als große Eleganz aussehen zu lassen. Und umgekehrt: “Ys” ist ein Album, das in seiner glattpolierten Form noch die Arbeit hörbar macht, die in ihm steckt. Arbeit nicht verstanden als Schufterei und Qual, sondern als Spiel.
In dieser Hinsicht ist Newsoms Musik unschuldig, weil sie geradeheraus die Möglichkeit behauptet, dass Arbeit tatsächlich Spiel sein kann – wenn sie den Weg über die Kunst nimmt. Das erinnert an die verspielt-fantasievollen Schriften des utopischen Sozialisten Charles Fourier (1772-1837), der dafür kämpfen wollte, die Ozeane endlich mit Limonade aufzufüllen.
Text: Felix Klopotek
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