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Mon, 21.08.2006

Mars Volta

Amputechture


Die ersten beiden Alben von Mars Volta waren imposant um sich greifende Rock-Fantasien, in einem Wort: Konzeptmusik. Auf »De-Loused In The Comatorium« und »Frances The Mute« ging es um Verlust und Trauer, um erschreckend-intensive Geistesverwandtschaften, um den Bewusstseinszustand zwischen Leben und Tod. Prätentiös? Sicher. Aber auch zu rasant, um die Musik einfach als Progressive Rock abzutun. Noch wurde der Progrock-Gestus durch rüde Hardcore-Passagen gebrochen, gab es einen hohen Anteil an (tatsächlich auf spanisch gesungenem) Latin-Rock. Omar Rodriguez-Lopez, Gitarre und eigentlicher Bandleader, und Cedric Bixler, Gesang, synthetisierten ihre Hardcore-Vergangenheit (At The Drive-In) traumwandlerisch mit einer ordentlichen Portion Größenwahn. Wieso hier die Vergangenheitsform gewählt wird? Weil sich mit »Amputechture« vieles ändert. Rodriguez-Lopez hat seinem Sänger keine Suite maßgeschneidert, sondern konzentriert sich auf acht geschlossene Kompositionen (die, soviel Wagnerismus muss sein, nichtsdestotrotz aufeinander verweisen). Es gibt keine narrative Einheit (stattdessen werden, so teilt die Plattenfirma mit, die Exkurse rund um den Bandkosmos erzählt, die auf den Vorgängeralben keinen Platz gefunden haben), es gibt kein Nebeneinander von Hardcore- und Progrock-Passagen mehr, überhaupt wurde der offensichtliche Hardcore-Einschlag gestrichen. Es ist neoprogressiver Neorock in Reinform. Rein handwerklich ist »Amputechture« noch atemberaubender, weil es bis ins kleinste Detail durchgearbeitet ist, weil es keine Brüche und mehr gibt keine Sprünge. Natürlich gibt es den schon auf den Vorgängeralben erprobten Wechsel von eingängigen, song-haften Passagen und instrumentalen Abschweifungen ins Nirvana. Natürlich arbeiten Rodriguez-Lopez und »seine« Musiker (Blake Fleming am Schlagzeug, Pablo Hinojos-Gonzalez an der zweiten Gitarre und der Effektmaschine, Juan Alderete am Bass, Isaiah »Ikey« Owens am Synthesizer und als Gast John Frusciante von den Red Hot Chili Peppers) mit allen Tricks der Pop-Dramaturgie: geheimnisvolle Intros, technoide Interludes, manipulierte Stimmen, Bläsersätze, Polyrhythmik. Bisweilen schluchzt sich Bixler an das Klischee das Latin Lovers heran. Niemand soll sagen, dass es den Musikern nicht auch um Popappeal geht. Aber alle Abwechselung dient nur der Stählung der einen, großen FORM, von der Rodriguez-Lopez zu träumen scheint und die jede Melodie fest im Griff hat. Trotz aller Vielschichtigkeit lässt sich über die Albumstrecke von über 70 Minuten eine gewisse Eintönigkeit nicht überhören. Weil die Wut, der Schmerz und die große Geschichte drum herum fehlen, weil Rodriguez-Lopez und Bixler den Dreikampf von Punk, Salsa und 70er-Jahre-Bombast für beendet erklärt haben. Es bleibt eine Lücke. Wäre »Amputechture« eine Mahlzeit, man müsste sie als äußert reichhaltig bezeichnen. Nun ist aber auch Astronautenkost äußerst reichhaltig. Und die ist bekanntlich eine braune Paste aus der Tube.

Text: Felix Klopotek

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