Dinge deines Lebens

Das Festivalbändchen

Im vierten Teil unserer Serie geht es um Festivals und Festivalkultur. Deren Mythen scheinen unverwüstlich und letztlich funktioniert alles noch wie bei Woodstock, nur mit lauteren Boxen. Oder doch nicht? Festivalguide-Chefredakteur Carsten Schumacher geht der Frage nach.


In den Köpfen vieler #festivalfanatics führt eine schnurgerade Linie von Woodstock bis Wacken. Festivals waren schon immer da und prinzipiell dreht sich die Geschichte um einen Acker neben einem gigantischen Campingplatz und eine von zwei Boxentürmen flankierte Bühne, auf der irgendwer unter jaulenden Gitarren zu Revolution oder Kiffen oder beidem gleichzeitig aufruft. Unter weitläufiger Auslassung beinahe sämtlicher Nebenerscheinungen und Bedingungen mag das ja fast stimmen, aber dann ist ein Auto im Grunde auch weiterhin eine Kutsche, nur dass die Pferde innen liegen.

Die Bühne, der Acker, hurz!

Bis zu Beginn der 90er Jahre war das Setup der Festivals für heutige Verhältnisse eher spartanisch. Mochten Mötley Crüe oder Kiss auf der Bühne auch mit Effekten um sich schmeißen wie Zeus mit Blitzen, doch letztlich drehte sich alles um eine Bühne auf dem Acker und eine ausreichende Anzahl Bierstände. Bungee, Riesenrad, Spiegelkabinett und Öl-Massagen wären nicht im Traum darauf gekommen, sich im Rahmen eines Festivals anzusiedeln. Dafür gab es aber wichtige Entwicklungen in Sachen Booking. Denn sowohl Szene-Festivals als auch Festivals mit dem seit den 90er Jahren populären Mix der Stile hatten plötzlich Konjunktur, womit die Erfolgsgeschichte von Hurricane und Melt! beinahe gleichzeitig begann. Mit dem splash! traute sich ab 1998 selbst die bis dato eher festivalscheue HipHop Community unter freien Himmel.

Und noch eine Entwicklung hatte in den 90er Jahren ihren Ursprung: Open Airs schufen ihre eigenen Ableger, die am jeweils gleichen Wochenende in anderen Teilen des Landes zeitversetzt das gleiche Line-up boten. Rock am Ring begann schon 1993 mit Rock in Vienna, aus dem dann 1995 Rock im Park wurde, das 1997 schließlich nach Nürnberg zog. Und im Jahr darauf hatte auch das Hurricane Festival von Veranstalter Folkert Koopmanns mit dem Southside seinen Zwilling im Süden. Auf diese Weise konnten die Veranstalter einen Discount aufs Booking bekommen und auf die mittlerweile wieder stärker werdende Nachfrage eingehen. Diese Strategie mündete letztlich im Vorgehen des heutigen Festivalgeschäfts, in dem Börsen dotierte Unternehmen wie Live Nation nicht nur mehrere Spielstätten und Festivals besitzen, sondern auch Künstler direkt unter Vertrag nehmen, die dort auftreten. Besonders schillernd war dabei zuletzt der Aufstieg und Fall von Robert F.X. Sillerman mit seinem besonderen Fokus auf elektronische Musik und vor allem EDM.

Der freie Flug der Ticketpreise

1968 wurden die Konzerte des Veranstalters Fritz Rau gestürmt, weil er es gewagt hatte, für die Rolling Stones oder Jimi Hendrix tatsächlich 10 Mark Eintritt zu nehmen. »Rau, Rau – Kapitalistensau«, hatten protestierende Fans skandiert. 1985 musste man schon 49 Mark zahlen, um beim ersten Rock am Ring in der Eifel Joe Cocker oder Chris de Burgh zu sehen, heute liegt der Preis je nach Zeitpunkt des Kaufes auch mal über 200 Euro. »Die Band-Gagen sind seit 1997 zum Teil um das 20- bis 40-fache gestiegen.«, erklärte Hurricane-Veranstalter Folkert Koopmanns 2014 in einem Interview. Die Nachfrage nach Festivals war in der Zwischenzeit immer weiter gestiegen, wobei sich die Zahl internationaler Headliner aber nicht derart exponentiell erhöhte. Und wie das im Kapitalismus so ist: Die Managements internationaler Stars geben natürlich dem den Zuschlag, der am meisten zahlen kann. Doch nicht nur die Gagen sind um ein Vielfaches gestiegen, was eine Refinanzierung allein über Tickets immer schwieriger macht. Auch die Kosten für die Sicherheit von Großveranstaltungen sind mittlerweile immens.

Katastrophen und Konsquenzen

Am 30. Juni 2000 geschah das Unfassbare: Beim Auftritt von Pearl Jam wurden auf dem Roskilde Festival neun Menschen vor der Bühne erdrückt. Danach war nichts mehr wie zuvor. So friedlich wie die Festivalkultur weitestgehend ist, sie musste sich plötzlich eingestehen, dass Massenveranstaltungen nicht darauf vertrauen dürfen, dass sich die Dinge selber regeln. Anders als bei Unwettern wie zuletzt bei Rock am Ring, Hurricane oder Southside konnte man dieses tragische Ereignis keineswegs einer höheren Gewalt zuschreiben, sondern musste handeln. In Konsequenz finden sich heute bei allen Festivals entsprechender Größenordnung »Wellenbrecher«, also Absperrgitter, die verhindern sollen, dass in einer plötzlichen Gruppendynamik Menschen ungebremst nach vorne drängen und damit die vordersten Reihen in Lebensgefahr bringen.

Mit dem Unglück bei der Loveparade am 24. Juli 2010 in Duisburg fand eine noch größere Katastrophe in Deutschland statt. 21 Besucher starben und 541 weitere wurden verletzt. Trotz eines mittlerweile bei Großveranstaltungen dieser Art im Einsatz befindlichen Crowdmanagers konnte das Unglück nicht verhindert werden, was nun auch Politik und Behörden extrem nervös machte und unlängst darin gipfelte, dass bei den Unwettern beim Rock am Ring in Mendig 2016 sogar der Innenminister des Landes Rheinland-Pfalz mit auf der Pressekonferenz saß und massiven Druck auf den Abbruch des Open Airs ausübte.

Aber auch die Einlasskontrollen zu Campingplatz und Infield wurden über die Jahre immer intensiver. Mittlerweile ist der um den Körper hängende Tetra-Pak schon fester Bestandteil der Festivalkultur, nachdem Glas und Dosen verbannt wurden. Und auch der Rucksack musste zuletzt draußen bleiben, nachdem am 24. Juli 2016 ein terroristischer Anschlag auf ein Festival in Ansbach verübt wurde, bei dem Sprengstoff in einem Rucksack geschmuggelt werden sollte, worauf selbst kleinere Festivals wie das eher ruhige Haldern Pop Rucksäcke auf dem Infield verboten.

Wandel zu Lifestyle-Event und Wohlfühloase

Die Festivallandschaft selber scheint in ihrem Wachstum beinahe ungebremst. Immer wieder müssen Veranstalter aufgeben, dennoch erscheinen dafür auch wieder neue Festivals auf der Bildfläche, die mitunter dann sogar viel größer aufgezogen werden. 2015 fand so das erste Lollapalooza in Europa statt, das zuerst von 50.000 und bereits im Folgejahr schon von 70.000 Menschen in Berlin besucht wurde. Das Festival belegt einen schon länger beobachteten Trend, dass nämlich mittlerweile auch viele Besucher mittleren Alters zu Festivals kommen, die einen höheren Komfort bezahlen können und das Festival zu einem Kurzurlaub nutzen. Ähnlich junge Festivals wie das A Summer’s Tale oder der Rolling Stone Weekender, sowie das Aufkommen der Festival-Kreuzfahrten belegen das. Das befeuert natürlich den Umsatz, der – auch das ein Phänomen jüngerer Zeit – dann auch gern mal über Chips im Festivalbändchen abgewickelt wird.

Gleichzeitig kann man einen immer deutlicheren Lifestyle-Aspekt in der Festivalkultur beobachten. So wird das kalifornische Coachella Festival von manchen Besuchern dazu genutzt, ihre frisch erworbene Neo-Hippie-Mode auszuführen, entsprechende Magazine shooten dort ihre Foto-Serien und Prominente stehen Modell. Die Gegenkultur von einst wird an manchen Stellen damit zum neuen Konsumfest.

Andere Phänomene, wie der anhaltende Erfolg des ostdeutschen Fusion Festivals zeigen aber auch, dass Gegenkultur sogar zum Massenphänomen taugt. Binnen 12 Jahren wuchs die Zahl der Besucher dort von anfangs 15.000 auf zuletzt 70.000 an und würde sogar noch darüber hinausgehen, hätten die Veranstalter nicht ein Limit gesetzt, das schon seit einigen Jahren dafür sorgt, dass die Tickets nur in einer Art Verlosung zu bekommen sind. Für 2017 hat sich der »Ferienkomunismus« allerdings selber eine Auszeit verordnet. Ab einer fünfstelligen Besucherzahl ist das Aufrechterhalten von Gegenkultur im Konzept »Festival« harte Arbeit geworden. Und Schreie wie »Rau, Rau, Kapitalistensau« scheinen 2016 nur noch grotesk und sehr weit weg.