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Die Rückkehr der Dinosaurier

Spezial: Der neue Boom des Musikvideos

15.10.2009, 14:04, Text: Michael P. Aust
[1 Kommentar]

Aus, Ende, vorbei - die Plattenindustrie am Abgrund, ihre Geschäftsmodelle schwer in Schieflage, das Musikfernsehen zur Reality-Zombie-Show mutiert, keine Kohle mehr nirgends. Und die Folge: das Musikvideo mausemausetot. War alles so schön bunt hier, Großmütterchen MTV, aber tschüss, wir müssen weiter, Games, www ... Doch dann kam alles ganz anders.

Es war einmal vor gar nicht allzu langer Zeit: eine heile Popwelt mit klaren Feind- und Freundbildern. Es gab die Clip-Ästhetik, die wahlweise auch als MTV-mäßig von der Kulturkritik geschmäht werden konnte. Ein paar schnelle Bildschnitte - zack, konnte man sich differenzieren in diesem Diskurs, bei dem das Feuilleton nur Dauerwerbesendung und Reizüberflutung verstehen wollte. "99% of everything is bullshit", bemerkte einst zwar auch Sid Vicious. Und in der Tat war das meiste, das durch die Kanäle rauschte, nur teilchenbeschleunigte Grütze, aber für ein Rebell-Posing allemal gut: Eltern und Pädagogen waren dagegen - Grund genug, die bunte Bilderflut zu verteidigen.


Grund war aber vor allem dieses eine Prozent Nicht-Bullshit, das einen für den Rest entschädigte: Bilder, die aus dem Flow der TV-Rotationen herausragten, die sich einbrannten, die so modern, libidinös, auratisch, magisch waren, dass man sie nie wieder vergessen konnte. Bilder, die einen mittelmäßigen Song unvergesslich werden ließen, einen unvergesslichen Song heilig - und einen heiligen vom Sockel stürzen konnten.

Doch dann kam das böse Internet mordend und sengend über die Welt, reihenweise verloren die A&Rs ihre Jobs, und es würden nie, nie wieder tolle Musikvideos produziert werden. Dachte man so in seiner Einfältigkeit. 2004 schrieb Ulf Poschardt: "Video ist knapp 30 Jahre nach dem Beginn seiner Popularisierung ... schon auf das Altenteil geschoben ... Videoclip ist ein Wort, das ... nur mehr historisch gebraucht wird."

Von Anfang an
Die Ära des Musikvideos beginnt schon in der Stummfilmzeit, als erstmals von Künstlern wie Man Ray Musik mit bewegten Bildern visualisiert wird: Die Strategien und das Vokabular, die Videoclips bis heute anwenden, werden damals entwickelt. Mit dem Fernsehen (bei uns "Beat Club", "Musikladen" ...) startet dann die Ausstrahlung vorproduzierter Starauftritte. So richtig Tempo kommt aber erst in der Nacht des 01.08.1981 in die Sache, als MTV auf Sendung geht. Mit einem Clip, der so ironisch wie programmatisch ist: "Video Killed The Radio Star" singen die Buggles in diesem Video von Russel Mulcahy aus dem Jahr 1979.


Auch wenn das Video heute ein bisschen peinlich erscheint: Es ist ein Auf-Wiedersehen-Lied für jene, die zu alt sind für die neue, für die visuelle Zeit. Mit ihm beginnt der Kampf um die Kulturhoheit über die Clips: anhaltendes Entsetzen über den schnellen Schnittrhythmus, über die Kommerzialisierung, über Frisuren und Kleidung auf der einen Seite der Front; auf der anderen Seite ungläubiges Erstaunen, dass das öffentlich-rechtliche TV seine Gebühren weiterhin damit rechtfertigt, es stelle die mediale Grundversorgung für ALLE Bürger dar.

Das Musikfernsehen wird das neue Radio, die Bilder sehen aus heutiger Sicht ungelenk aus, erst im Laufe der 80er kristallisiert sich eine Bildsprache heraus, die den neuen Lifestyles, Klängen und Haltungen entspricht - und es ist genügend Geld da, um wirklich alles auszuprobieren. Stellvertretend sei hier ein kleines Kunstwerk wie Peter Gabriels "Sledgehammer" von 1986 genannt, mit dem die Quay Brothers Knetanimation und Legetechnik revolutionieren. Auch big budget master Michael Jackson darf nicht fehlen: "Thriller", "Billie Jean" und "Beat It" prägen MTV, den Look der Videos und der Tanz-Choreografien.


Zum Ende der 80er-Jahre gerät die Rockmusik immer mehr in Bildernot: Verschwitzte Gitarren-Performances wollen so gar nicht mehr identitätsstiftend wirken, Ulf Poschardt konstatiert ein "gegenüber dem Popimage stur gestrig" wirkendes Image, das keine passenden visuellen Codes mehr findet.


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  • theeuropean 21.11.2009 | 18:12:31

    Wer sich für die Zukunft des Musikfernsehens interessiert, sollte sich auch einmal die Debatte die wir zu dem Thema zurzeit bei The European haben anschauen:

    Brauchen wir noch MTV?

    Der Kurzfilmcharakter, den Musikvideos in der Blütezeit der Gattung in den 90er-Jahren hatten – erinnert sei an die Clips von Madonna und Michael Jackson – ist heute selten anzutreffen. Auch Dank Internet laufen auf MTV nunmehr Reality Shows und Klingeltöne. Was wird aus dem Musikfernsehen?

    http://www.theeuropean.de/debatte/musikvideos

    Besten Gruß

    Hannes

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